Kolumnen

Willkommen im Biedermeier – Warum die Regulierung des temporären Wohnens mehr ist als Wohnungspolitik

Berlin, 04.05.2026
Prof. Dr. Thomas Herr

Der Berliner Wohnungspolitik ist es mit dem Vergesellschaftungsrahmengesetz gelungen, weit über die Stadtgrenzen hinaus Zweifel an Eigentumsschutz, Planungssicherheit und Investitionsklima zu nähren. Während die Enteignungsdebatte die Schlagzeilen bestimmt, folgt im Windschatten bereits die nächste Regelung mit Signalwirkung. Seit dem 18. April 2026 gelten in der Stadt neue Verwaltungsvorschriften für soziale Erhaltungsgebiete. Wohnen auf Zeit wird dort unter Genehmigungsvorbehalt gestellt. Begründung: bezahlbaren Wohnraum sichern, Missbrauch verhindern, überteuerte Zwischenvermietung eindämmen.

Das klingt nach Mieterschutz. Tatsächlich zeigt sich ein vertrauter Reflex: Was nicht in das überkommene Bild des „normalen Wohnens“ passt, wird zuerst verdächtigt und dann reguliert.

Die in der Argumentation genutzten Zahlen werden politisch zugespitzt. Der Anteil möblierter Wohnungen auf Zeit an den Berliner Inseraten soll von 13 Prozent im Jahr 2012 auf 48 Prozent im Jahr 2025 gestiegen sein. Das klingt nach Explosion, ist aber auch ein statistischer Effekt: Der sichtbare reguläre Mietmarkt ist zugleich massiv eingebrochen zugleich werden befristete möblierte Wohnungen häufiger inseriert als unbefristete Wohnungen. Aus Inseratsanteilen lässt sich deshalb kein direkter Rückschluss auf den Wohnungsbestand ziehen. Nach ifo-Schätzung liegt der tatsächlich für zeitweise Anmietung verfügbare Bestand bei weniger als einem Prozent aller Mietwohnungen.

Zwischen öffentlicher Wahrnehmung, Anzeigenmarkt, politischer Erzählung und tatsächlichem Bestand liegt eine erhebliche Lücke.

Am 29. April 2026 hat das Bundeskabinett den Gesetzentwurf von Bundesjustizministerin Stefanie Hubig zur Reform des Mietrechts beschlossen. Auch dieser Entwurf nimmt möbliertes Wohnen und Kurzzeitmietverträge ins Visier. Möblierungszuschläge sollen transparenter ausgewiesen, Kurzzeitmietverträge enger begrenzt und Umgehungen der Mietpreisbremse erschwert werden. Auch hier lautet die Begründung: Mieterschutz, Transparenz, Schutz vor Umgehungstatbeständen.

Natürlich kann möbliertes Wohnen auf Zeit zur Umgehung der Mietpreisbremse genutzt werden. Natürlich gibt es überhöhte Preise. Natürlich braucht dieser Markt klare Regeln. Aber daraus folgt nicht, dass befristetes Wohnen selbst das Problem ist. Das Problem ist eine Wohnungspolitik, die den Markt verknappt, das Angebot schwächt und anschließend neue Wohnformen für die Folgen der eigenen Eingriffe verantwortlich macht.

Städte wie Berlin brauchen nicht nur klassische Dauerwohnungen. Sie brauchen auch legale, transparente und bezahlbare Übergangsformen: für internationale Fachkräfte, Wissenschaftler, Pflegekräfte, Studierende, Gründer, Projektarbeiter sowie Menschen in Probezeiten, Trennungsphasen oder beruflichen Wechseln. Wer neu in eine Stadt kommt, unterschreibt nicht am ersten Tag einen unbefristeten Mietvertrag. Wer sechs oder zwölf Monate bleibt, braucht weder ein Hotel noch eine Wohnung fürs Leben.

Genau diese Realität wird politisch zu wenig ernst genommen. Temporäres Wohnen wird nicht als Bestandteil einer dynamischen Gesellschaft verstanden, sondern als Störung der alten Ordnung. Aus Marktbeobachtung wird Genehmigungspflicht. Aus Missbrauchsbekämpfung wird Generalverdacht.

Deshalb geht es hier nicht um ein Randthema des Mietrechts. Die Regulierung des befristeten Wohnens steht exemplarisch für einen Staat, der Wandel nicht ermöglicht, sondern in alte Raster presst.

Dieser Staat tritt heute selten mit großer Geste auf. Er wirkt im Detail und in der Breite: bei Wohnform, Erwerbsform, Anerkennung von Qualifikationen, Rentenübergang und beruflichen Biografien. Was nicht in den alten Normalfall passt – Dauerwohnung, unbefristete Anstellung, sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, formaler Abschluss, reguläre Rente –, gerät unter Rechtfertigungsdruck. Diese Ordnung war einmal erfolgreich. Sie passte zur Industriegesellschaft und hat Stabilität, Aufstieg und Schutz ermöglicht. Doch heute wird aus Schutz zunehmend Behinderung. Der Staat sichert seine Bürger nicht mehr nur gegen Risiken ab, sondern zwingt neue Lebens- und Arbeitsformen in Raster einer vergangenen Zeit.

Diese Gesellschaft gibt es aber nicht mehr.

Arbeit wird projektbezogener. Lebensläufe werden internationaler. Berufe verändern sich schneller. Menschen wechseln Orte, Tätigkeiten und Rollen. Ältere wollen oder müssen länger arbeiten. Ausländische Fachkräfte sollen kommen, bleiben aber in Anerkennungsverfahren, Zuständigkeiten und Nachweisschleifen hängen. Selbständige werden in der auch kürzlich erst wieder belebten Scheinselbständigkeitsdebatte zu Verdachtsfällen, obwohl moderne Wissensarbeit oft weder klassisches Arbeitsverhältnis noch klassisches Unternehmertum ist. Weiterbildung wird beschworen, aber Kompetenzen zählen häufig erst dann, wenn sie in alte Abschlussordnungen passen.

Überall derselbe Reflex: Die Wirklichkeit bewegt sich, die staatliche Ordnung hält fest.

Beim Berliner Wohnen heißt das Genehmigungsvorbehalt. Im Bundesmietrecht heißt es Begrenzung von Kurzzeitmietverträgen. Beim Arbeiten heißt es Statusprüfung. Bei ausländischen Fachkräften heißt es Anerkennungsverfahren. Bei Bildung heißt es Abschlusslogik. Bei der Rente heißt es Stichtag statt Übergang. Angeblich geht es um Schutz. Tatsächlich geht es um Bestandswahrung.

Der besorgniserregende Kern ist, dass Deutschland nicht nur Mieter, Arbeitnehmer, Rentner oder Berufsstände schützt. Es schützt die Vorstellung einer Gesellschaft, in der jeder seinen festen Platz hat: Wohnung, Beruf, Abschluss, Kammer, Status, Rentenzeitpunkt. Alles Abweichende gilt als Zumutung.

Willkommen im neuen Biedermeier.

Eine alternde Gesellschaft, die Fachkräfte, Investitionen und Innovation braucht, kann sich diese Angst vor Veränderung nicht leisten. Wer Zukunft will, darf nicht die Lebensmodelle von gestern verteidigen. Regeln sollen Menschen schützen, nicht Bestände konservieren. Sie müssen Übergänge ermöglichen – beim Wohnen, Arbeiten, Lernen, bei der Zuwanderung und im Alter.

Die Welt bewegt sich. Deutschland kann es sich nicht länger leisten, am Gestern festzuhalten. Das Problem ist nicht nur eine übergriffige Politik. Es ist vor allem eine Gesellschaft, die neue Perspektiven fordert, aber Bestandswahrung wählt, sobald Wandel konkret wird – und anstrengend.