Kolumnen

Was bauen wir? Alex Karp, der Papst und die Infrastrukturfrage des KI-Zeitalters

01.06.2026
Prof. Dr. Thomas Herr

Zwei Texte zur Künstlichen Intelligenz haben mich in den vergangenen Wochen beschäftigt. Der erste ist ein X-Post von Palantir. Mitte April veröffentlichte das Unternehmen eine 22-Punkte-Zusammenfassung des bereits 2025 erschienenen Buches The Technological Republic: Hard Power, Soft Belief, and the Future of the West von Alexander C. Karp und Nicholas W. Zamiska. Der Post ging viral, auch weil er das Buch zu einer Kampfansage verdichtet.

Der zweite Text stammt aus einer Quelle, die in der KI-Diskussion bisher kaum in Erscheinung trat, dem Vatikan. Papst Leo XIV. legte mit Magnifica Humanitas seine erste Enzyklika vor, eine Warnung vor der Entmenschlichung durch Künstliche Intelligenz.

Der Kontrast könnte kaum größer sein. Palantir spricht von Wehrhaftigkeit, der Papst von Begrenzung. Karp fragt, wer die Systeme baut, die freie Gesellschaften schützen. Leo fragt, was aus dem Menschen wird, wenn diese Systeme selbst zur neuen Herrschaftsform werden.

Ein starker Gedanke der Enzyklika ist ein Bild des Bauens. Auf der einen Seite steht der Turm zu Babel: ein gemeinsames Werk, aber getragen von Machtstreben und Entfremdung. Auf der anderen Seite steht der Wiederaufbau der Mauern Jerusalems durch Nehemia – Stein für Stein, Abschnitt für Abschnitt, als Werk gemeinsamer Verantwortung. Übersetzt in eine säkulare Sprache lautet die Frage: Was bauen wir?

Diese Frage trifft den Kern der KI-Debatte besser als viele Strategiepapiere. Künstliche Intelligenz ist nicht nur ein Werkzeug für Büroarbeit, Programmierung oder Marketing. Sie ist ein Machtmittel. Sie verändert Arbeit, Sicherheit, Wissen, Verwaltung, Kapitalmärkte, militärische Handlungsfähigkeit und industrielle Wettbewerbsfähigkeit. Deshalb reicht es nicht, KI nur nach Produktivitätsgewinnen zu beurteilen. Die eigentliche Frage lautet welche gesellschaftliche Neu-Ordnung resultiert aus ihrer massiven Anwendung?

Viele von Karps umstrittenen Positionen haben einen belastbaren Kern. Freie Gesellschaften dürfen technologisch nicht wehrlos sein. Wer seine Datenräume, kritischen Infrastrukturen, Verwaltung, Energieversorgung und äußere Sicherheit nicht schützen kann, bleibt nicht frei. Freiheit ohne Schutz ist ein Versprechen ohne Durchsetzungskraft.

Das ist die stärkste Antithese zu Leos Forderung, KI zu „entwaffnen“. Soft Power reicht nicht mehr. Hard Power wird im 21. Jahrhundert auch durch Software gebaut. KI-Waffen und KI-gestützte Sicherheitssysteme werden entstehen. Die Frage ist nicht, ob sie gebaut werden, sondern wer sie baut, kontrolliert und welchem politischen Zweck sie dienen.

Wer auf Schutzfähigkeit verzichtet, verhindert nicht automatisch die Militarisierung der KI. Er überlässt sie nur anderen. In einer Welt, in der autoritäre Staaten, Cyberakteure und rivalisierende Mächte KI für Aufklärung, Desinformation, Überwachung und Zielerkennung nutzen, wäre technologische Abstinenz keine liberale Tugend, sondern strategische Naivität.

Auf der anderen Seite betont die Enzyklika eine ebenso wichtige Gegenposition. Wenn KI nur noch aus der Logik von Abschreckung, Beschleunigung und Überlegenheit gedacht wird, kann aus Schutz Herrschaft werden. Daten, Rechenleistung, Sicherheitslogik und private Plattformdominanz bilden eine neue Machtkonzentration. Sie muss nicht in Uniform auftreten, sondern als Effizienz, Risikoanalyse, Gefahrenabwehr oder Komfort daherkommen.

Die freiheitliche Antwort kann deshalb weder technologische Naivität noch autoritäre Kommandostruktur sein. Eine liberale Ordnung muss sich schützen können. Aber sie darf nicht vergessen, was sie schützen will: individuelle Freiheit, offene Märkte, Eigentum, Wettbewerb, Rechtsstaat, Pluralität und die Begrenzung politischer Macht. Schutz ohne Macht ist illusionär. Schutz ohne Recht ist gefährlich.

Die Dimension dieser neuen Macht ist gewaltig. Fünf US-Technologiekonzerne, die das KI-Zeitalter über Chips, Cloud, Plattformen, Modelle, Daten und Endgeräte prägen — Nvidia, Alphabet, Apple, Microsoft und Amazon — kommen zusammen auf gut 20 Billionen US-Dollar Börsenwert. Auch wenn der Vergleich mit dem Bruttoinlandsprodukt methodisch nicht sauber ist, zeigt er die Größenordnung. Diese fünf Unternehmen sind zusammen größer als die Wirtschaftsleistung der Europäischen Union oder Chinas und mehr als viermal so groß wie die deutsche Volkswirtschaft.

Das sind keine normalen Unternehmen mehr. Es sind private Infrastruktursysteme mit staatsähnlicher Reichweite. Sie kontrollieren Technologie, Daten, Zugänge, Modelle und zunehmend Schnittstellen zu Verwaltung, Militär, Bildung, Gesundheitswesen, Energie und Industrie. Im klassischen Industriekapitalismus regulierten und zerschlugen Staaten Monopole, im KI-Kapitalismus gibt es bisher keine Regulierung der Unternehmen, die weite Teile der kognitiven und sicherheitsrelevanten Infrastruktur der Gesellschaft betreiben.

Auch der soziale Umbruch ist absehbar. Leo XIV. schreibt aus Sorge um die Folgen der KI für die menschliche Arbeit — ähnlich wie sein Namensvorgänger Leo XIII. im 19. Jahrhundert auf die Arbeiterfrage der Industrialisierung reagierte, auf Machtkonzentration, Entwertung von Arbeit und die Gefahr, dass der Mensch hinter Produktivität und Technik verschwindet. Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass weltweit fast 40 Prozent der Beschäftigung KI ausgesetzt sind; in fortgeschrittenen Volkswirtschaften sind es rund 60 Prozent. KI trifft nicht zuerst die Fabrikhalle. Sie trifft Büro, Verwaltung, Recherche, Programmierung, Analyse, Kommunikation, Controlling, Planung und Support. Damit greift sie in das Aufstiegsversprechen moderner Dienstleistungsgesellschaften ein.

Deshalb reicht es nicht, Menschen zu Nutzern von KI-Werkzeugen auszubilden. Entscheidend wird die Fähigkeit, KI mit der physischen Welt zu verbinden: mit Energie, Gebäuden, Netzen, Industrie, Verwaltung, Sicherheit und Recht.

An dieser Stelle wird aus der KI-Debatte auch eine Immobilienfrage, nicht nur weil wir mehr Rechenzentren brauchen, sondern weil das Bauen selbst sich ändern muss. Karp fordert, dass Technologie wieder an den großen Aufgaben arbeitet: starke Verteidigung, funktionierende Infrastruktur, gesicherte industrielle Basis und effiziente Verwaltung. Leo stellt dem eitlen Turmbau den kollektiven Wiederaufbau gegenüber – statt Selbstüberhöhung Schutz, Maß und gemeinsame Verantwortung. Beide Texte fragen im Grunde wofür wir unsere besten technischen, finanziellen und organisatorischen Kräfte einsetzen.

Genau diese Frage muss sich auch die Immobilienwirtschaft stellen. Baut sie nur handelbare Produkte, optimierte Flächen und verwaltbare Renditen? Oder baut sie an den Voraussetzungen einer freien, produktiven und widerstandsfähigen Gesellschaft mit?

Wohnraum, Energieinfrastruktur, Schulen, Verwaltungsgebäude, Krankenhäuser, Verkehrswege, Rechenzentren, Industrie- und Logistikflächen sind keine neutralen Assets. Sie sind die physische Grundlage staatlicher und wirtschaftlicher Handlungsfähigkeit. Wenn Wohnungen fehlen, Schulen verfallen, Netze nicht ausreichen und Industrieflächen nicht verfügbar sind, dann ist das nicht nur ein Immobilienproblem. Es ist ein Verlust gesellschaftlicher Leistungsfähigkeit.

KI ist für die Immobilienwirtschaft nicht nur als Tool wichtig, sondern als Stresstest. Da diese Technologie alle Lebensbereiche verändert, verändert sie auch die Anforderungen an Gebäude, Standorte und Infrastrukturen. Deshalb kommt unsere Branche nicht umhin Antworten auf die Enzyklika-Frage zu finden: Was bauen wir?