Kolumnen

Wachstumsmarkt Bürokratie unter Druck

Wie die Staatsmodernisierung etablierte Geschäftsmodelle bedroht

05.01.2026
Dr. Thomas Herr

Nur der wachsende Staat und nicht etwa eine wirtschaftliche Restdynamik hat Deutschland vor dem Abrutschen in eine tiefe Rezession bewahrt. Darauf weisen die laufenden Konjunkturdiagnosen des ifo Instituts hin: Öffentlicher Konsum, staatliche Beschäftigung und automatische Stabilisatoren erhöhen die Nachfrage, während private Investitionen, Produktivitätszuwächse und insbesondere der Wohnungsbau deutlich schwächeln.

Große Teile der Immobilienwirtschaft betrachten die überbordende Bürokratie und den regelwütigen Staat als zentrales Reformhemmnis. Doch im Schatten dieser Entwicklung hat sich eine alternative Ökonomie etabliert: die private Prüf-, Zertifizierungs- und Normenindustrie, deren Umsätze seit Jahren stabil und profitabel wachsen – weitgehend unabhängig vom realen Baugeschehen.

Nominal betrachtet ist das Bauvolumen von Hoch- und Tiefbau inklusive Infrastruktur nach Daten des Statistischen Bundesamts seit 2020 von rund 430 Milliarden Euro auf etwa 485 bis 490 Milliarden Euro im Jahr 2024 gestiegen, ein Zuwachs von rund 13 bis 14 Prozent. Dieses Wachstum war jedoch nahezu vollständig preisgetrieben. Real, also preisbereinigt, ist die Bauleistung im selben Zeitraum um rund 12 bis 15 Prozent zurückgegangen, im Wohnungsbau sogar um mehr als 20 Prozent.

Demgegenüber steht die Entwicklung der Prüf- und Zertifizierungsindustrie. Die Umsätze großer Prüfgesellschaften wie TÜV, DEKRA, SGS oder Bureau Veritas sind seit 2020 nominal um etwa 25 bis 35 Prozent gewachsen – mehr als doppelt so stark wie das Bauvolumen. Besonders stark entwickelten sich dabei bau- und infrastrukturnahe Dienstleistungen. Noch dynamischer wuchsen regulatorische Teilmärkte wie Nachhaltigkeits- und ESG-Zertifizierungen. Die Erlöse aus der Gebäudezertifizierungen nach DGNB, LEED oder BREEAM haben sich allein seit 2020 verdoppelt.

Der Befund ist eindeutig: Während real weniger gebaut wird, steigt der Prüf-, Zertifizierungs- und Dokumentationsaufwand pro Projekt. Mehr Gutachten, mehr Nachweise, mehr Wiederholungsprüfungen – unabhängig von der tatsächlichen Bauleistung.

An diesem Punkt setzt die Föderale Modernisierungsagenda von Bund und Ländern an, die am 4. Dezember 2025 auf der Ministerpräsidentenkonferenz beschlossen wurde. Im Beschluss heißt es ausdrücklich, der Staat müsse durch eine „deutliche Reduzierung des Verwaltungsaufwands“ handlungsfähig bleiben und dürfe seinen Personal- und Regulierungsumfang nicht weiter ausdehnen. Konkret sollen mindestens ein Drittel der Berichtspflichten der Wirtschaft und mindestens die Hälfte der Dokumentationspflichten entfallen, sofern deren besondere Erforderlichkeit nicht begründet werden kann. Die Bürokratiekosten sollen um rund 25 Prozent sinken.

Für die Bau- und Immobilienwirtschaft ist besonders relevant, dass Genehmigungsfiktionen zum Regelfall werden sollen, Anzeigeverfahren Genehmigungen ersetzen und Doppelprüfungen – etwa im Umwelt-, Arten- und Naturschutz – systematisch reduziert werden. Zudem sieht die Agenda eine Überprüfung aller Verweise auf externe technische Normen vor, insbesondere im Baubereich. Nicht verbindliche Standards sollen künftig nicht mehr als Genehmigungsauflagen oder Kontrollmaßstab herangezogen werden dürfen. Auch der Vertrag des Bundes mit dem privatwirtschaftlichen Normungs-Monopolisten DIN Deutsches Institut für Normung e. V. soll angepasst werden. Bemerkenswert: auch der Umsatz der DIN-Gruppe inklusive Beuth-Verlag ist seit Beginn der 2000er Jahre von einem niedrigen dreistelligen Millionenbetrag auf über 200 Millionen Euro im Jahr 2024 gestiegen – ein Plus von rund 80 Prozent.

Hinter dem Wachstum des Prüf- und Nachweiswesens steht jedoch nicht nur Regulierung, sondern auch ein kulturelles Muster, das man landläufig als „German Angst“ bezeichnet. Gemeint ist weniger Vorsicht als ein tief verankerter Reflex zur maximalen Absicherung – gegen Risiken, Haftung, Fehler und Abweichungen. Wo Unsicherheit herrscht, wird nicht entschieden, sondern geprüft. Wo Verantwortung gefragt wäre, wird sie delegiert – an Gutachten, Normen, Zertifikate und Prüfplaketten.

Dieses Verhalten ist ökonomisch wirksam. Es erzeugt Nachfrage nach immer neuen Nachweisen und verschiebt Verantwortung systematisch weg vom Entscheider hin zu formalen Instanzen. Bauen wird dadurch nicht sicherer, sondern defensiver. Innovation wird nicht verhindert, aber verteuert und verlangsamt. Die Folge ist ein System, das Risiken nicht managt, sondern administriert – und dabei verlernt, Verantwortung zu übernehmen.

Die neuen Leitlinien zur Staatsmodernisierung treffen daher nicht nur Verwaltungen, sondern auch private Geschäftsmodelle. Denn ein erheblicher Teil der Umsätze von Prüfgesellschaften, Zertifizierern und normnahen Dienstleistern entsteht nur, weil entsprechende Pflichten existieren. Entfällt die Pflicht, entfällt auch die Nachfrage.

Wie sensibel das betroffene Ökosystem reagiert, zeigte sich bereits in der jüngsten Debatte um die Abschaffung der Weiterbildungspflicht für Immobilienmakler. Branchenvertreter warnten öffentlich vor Qualitätsverlusten und Gefahren für den Verbraucherschutz. Sinngemäß wurde argumentiert, ohne verpflichtende Fortbildung sei Professionalität nicht zu sichern. Empirische Belege für einen Zusammenhang zwischen Pflichtstunden und Beratungsqualität wurden jedoch nicht vorgelegt. Unstrittig ist hingegen, dass Fortbildungspflichten verlässliche Nachfrage bei Bildungsanbietern, Verbänden und Kammerstrukturen erzeugen.

Auch Berufs- und Fachverbände reagieren auf die Modernisierungsagenda überwiegend defensiv. Ingenieur- und Sachverständigenorganisationen begrüßen zwar schnellere Verfahren, warnen aber vor einer Absenkung von Standards und Haftungssicherheit. Das DIN betont, Normen seien ein zentrales Instrument für Qualität, Sicherheit und internationale Wettbewerbsfähigkeit. Gleichzeitig weist es darauf hin, dass Normen grundsätzlich freiwillig seien – verschweigt jedoch, dass sie durch gesetzliche Verweise faktisch verbindlich und kostenpflichtig werden.

Der politische Kern ist klar und zu begrüßen: der Staat erklärt das bisherige Modell aus immer mehr Normen, Prüfungen und Nachweisen für nicht mehr tragfähig. Wörtlich heißt es im MPK-Beschluss: „Es bedarf eines grundlegenden Paradigmenwechsels, der auf einer Kultur des Vertrauens, der Effizienz und der Eigenverantwortung basiert.“ Der eigentliche Paradigmenwechsel liegt jedoch nicht im Abbau von Bürokratie, sondern im Abschied von der „German Angst“ als Geschäftsmodell. Wer Qualität verteidigen will, muss Verantwortung übernehmen – und nicht versuchen, sie wegzuzertifizieren.