Wo Daten Wurzeln schlagen: Standortwahl für Rechenzentren

12.01.2026

Ein freier Blick ins Grüne, keine direkten Nachbarn, ein ruhiger und trotzdem gut angebundener Ort – wer ein Grundstück fürs Eigenheim sucht, hat ganz genaue Ansprüche. Ähnlich funktioniert die Standortwahl für ein Rechenzentrum. Denn auch hier eignet sich längst nicht jeder Fleck auf der Landkarte: Nur Standorte, die passgenaue Anforderungen erfüllen, bieten gute Voraussetzungen für einen zuverlässigen und effizienten IT-Betrieb. Dabei ist stets zu berücksichtigen, dass Rechenzentren nicht isoliert agieren oder beliebig platziert werden, sondern sich immer in das bestehende urbane Infrastruktursystem einfügen.

Vom Acker bis zur Autobahn – Risiken durch externe Einflüsse

Rechenzentren sind zwar hochsichere technische Anlagen, bleiben jedoch anfällig für äußere Einflüsse, die den Betrieb stören oder im Extremfall lahmlegen können. Dazu gehören naturbedingte Risiken wie Hochwasser, Erdbeben oder extreme Wetterereignisse ebenso wie menschengemachte Gefahren, wie zum Beispiel die Nähe zu Industrieanlagen oder Verkehrsachsen. Letztere sind besonders kritisch, da Unfälle mit Gefahrguttransporten, Brände oder Explosionen das Rechenzentrum direkt gefährden. Zudem erzeugen starker Verkehr und die dadurch entstehenden Vibrationen Erschütterungsbelastungen, die empfindliche Hardware beeinträchtigen können. Auch die Erreichbarkeit des Gebäudes im Notfall kann durch stark frequentierte Straßen eingeschränkt werden.

Selbst unscheinbare Faktoren wie eine nebenan bewirtschaftete Ackerfläche, auf der Landmaschinen Staub aufwirbeln, können den Betrieb innerhalb eines Rechenzentrums zudem beeinträchtigen. Der Staub belastet oftmals die Luftfilter, Kühlanlagen und empfindliche IT-Systeme, er reduziert die Effizienz der Kühlung und erhöht gleichzeitig den Wartungsaufwand. Auch die langfristige Entwicklung des Areals um ein Rechenzentrum ist entscheidend: Urbanes Wachstum, geplante Bauprojekte oder Veränderungen in der Verkehrsdichte können Immissionen erhöhen oder die Sicherheit beeinträchtigen.

Sichere Leitungen sorgen für reibungslosen Betrieb

Mindestens genauso entscheidend wie ein sicheres Umfeld ist eine robuste und ausfallsichere Anbindung an die nötigen Versorgungsmedien. Rechenzentren können einen Energieverbrauch von bis zu 100 Megawatt im Jahr haben, was mit dem Jahresverbrauch einer Stadt mit 50.000 bis 150.000 Einwohnenden vergleichbar ist. Damit zählen sie zu den energieintensivsten Gebäudetypen und verlangen daher leistungsfähige Stromanschlüsse, die mehrfach redundant ausgelegt sind und idealerweise aus unterschiedlichen Netzabschnitten gespeist werden. So stellen Betreiber sicher, dass selbst bei Ausfällen einzelner Leitungen oder Umspannwerke der Betrieb ununterbrochen weiterläuft. Ergänzend gewinnen Wasserinfrastrukturen zunehmend an Bedeutung, zum Beispiel für effiziente Kühlprozesse. Auch die Telekommunikationsanbindung muss mehrfach redundant vorhanden sein, damit Daten mit hohen Bandbreiten, minimaler Latenz und ohne Unterbrechungen zuverlässig verarbeitet und übertragen werden können.

Analyse von Markt und Nachfrage

Neben den rein technischen und infrastrukturellen Kriterien prägt auch die Marktdynamik die Standortwahl für Rechenzentren. Dabei geht es nicht nur um die physische Nähe zu Datenleitungen oder Energiequellen, sondern vor allem um die räumliche Anbindung an relevante Kunden, digitale Knotenpunkte und wirtschaftlich starke Regionen. Ein Standort gilt als attraktiv, wenn er nicht nur eine ausreichende Nachfrage nach IT- und Cloud-Dienstleistungen bietet, sondern auch ein stabiles und verlässliches wirtschaftliches Umfeld aufweist. Dazu zählen unter anderem die Verfügbarkeit qualifizierter Fachkräfte, eine funktionierende lokale Infrastruktur, politische und rechtliche Stabilität sowie transparente und vorhersehbare Rahmenbedingungen für Unternehmen.

Gleichzeitig treten zunehmend komplexe Herausforderungen zutage: In vielen Regionen verschärft sich der Wettbewerb um geeignete Grundstücke und Bestandsflächen, was sowohl die Verfügbarkeit als auch die Kosten erheblich beeinflusst. In der Metropolregion Frankfurt sind geeignete Grundstücke für neue Rechenzentrums-Flächen beispielsweise seit 2022 um über 40 Prozent teurer geworden. Parallel dazu steigen die regulatorischen Anforderungen in Bezug auf Datenschutz, physische und digitale Sicherheitsstandards sowie energieeffiziente Bau- und Betriebskonzepte kontinuierlich an. Vorgaben wie die EEWärmeG-Novelle 2025 machen die Energiepartnerschaften mit kommunaler Abwärmenutzung praktisch zur Pflicht. Hinzu kommt, dass Unternehmen verstärkt unter Beobachtung stehen, wenn es um nachhaltige und klimafreundliche Betriebsmodelle geht. Aspekte wie ein geringer CO₂-Fußabdruck, der Einsatz erneuerbarer Energien, oder ressourcenschonende Kühlsysteme wirken sich zunehmend entscheidend auf die Standortwahl und die langfristige Wettbewerbsfähigkeit aus.

Letztlich entscheidet nicht ein einzelner Aspekt, sondern das ausgewogene Gesamtbild darüber, ob ein Standort wirklich Zukunftspotenzial bietet. Nur so lässt sich ein Rechenzentrum betreiben, das sowohl heutigen als auch kommenden Anforderungen standhält.

Zum Autor: Marcelo Teixeira Domingues 

Marcelo Teixeira Domingues ist seit April 2025 Consultant im Bereich ICT bei der Drees & Sommer SE und berät zu Standortstrategien, Versorgeranbindungen sowie zum Data-Center-Markt mit einem klaren Fokus auf nachhaltige und zukunftsorientierte Lösungen. Zuvor arbeitete er von September 2023 bis April 2025 als Junior Consultant im Bereich ICT mit Schwerpunkt auf ESG, EU-Taxonomie und Sustainability, insbesondere im Kontext von Rechenzentren.