Sungwoo Kim – Der Bauantragsoptimierer
Konii: Sie sind 1994 in Südkorea geboren und mit 24 Jahren nach Deutschland gekommen, um hier Architektur zu studieren. Warum fiel Ihre Entscheidung auf Deutschland und warum auf Architektur?
Sungwoo Kim: Ich bin nach Deutschland gekommen, weil ich meinen Horizont erweitern wollte. Ich glaube, wenn man nur in einem Land lebt, denkt man oft nur aus einer bestimmten Perspektive. Deshalb wollte ich eine andere Kultur, ein anderes Bildungssystem und eine andere Denkweise kennenlernen.
Deutschland habe ich gewählt, weil das Land besonders im Bereich Technik und Ingenieurwesen sehr bekannt ist. Außerdem bietet Deutschland meiner Meinung nach ein gutes Umfeld zum Studieren. In Korea habe ich Umwelttechnik studiert, und auch dieser Bereich ist in Deutschland sehr stark.
Mit der Zeit hat sich mein Interesse jedoch verändert. Ich wollte etwas studieren, das stärker mit Kreativität und Gestaltung zu tun hat. Da ich schon immer gerne Dinge entworfen und gebaut habe, habe ich mich schließlich für Architektur entschieden.
Konii: Sie haben Ihr Studium im vergangenen Jahr abgeschlossen und ziehen es vor ein KI gestütztes Prüfsystem für Bauvorhaben zu entwickeln, statt als Architekt zu arbeiten. Viele Absolventen wollen lieber direkt in den Beruf starten. Was hat Sie angetrieben, stattdessen etwas Eigenes zu bauen?
Sungwoo Kim: Eigentlich habe ich mich nicht von Anfang an bewusst dafür entschieden, ein KI-gestütztes Prüfsystem für Bauvorhaben zu entwickeln. Die Projekte, die ich in letzter Zeit entwickelt habe, sind eher ein Teil meines Portfolios und zeigen meine Interessen und Fähigkeiten.
Ich habe auch in einem Architekturbüro gearbeitet. Dabei habe ich gemerkt, dass die klassischen Arbeitsprozesse in der Architektur nicht ganz zu mir passen. Viele Abläufe sind sehr lang, kompliziert und teilweise noch wenig automatisiert.
Deshalb habe ich angefangen, mich dafür zu interessieren, wie man Architektur mit künstlicher Intelligenz verbinden kann. Besonders spannend finde ich die Frage, wie man in einer eher konservativen Branche bestimmte Prozesse automatisieren und effizienter machen kann.
Konii: Wer aus einem anderen Land auf Deutschland blickt, erkennt manches oft klarer. Wie haben Sie die deutsche Bau und Immobilienwelt erlebt, vom ersten Entwurf bis zur Schlüsselübergabe?
Sungwoo Kim: Besonders beeindruckend finde ich in Deutschland die detaillierte Ausführungsplanung. In diesem Bereich hat die deutsche Architektur meiner Meinung nach eine sehr hohe Qualität. Die Planung ist oft sehr genau und technisch gut durchdacht.
Zur Schlüsselübergabe oder zur kompletten Projektabwicklung bis zur Fertigstellung kann ich noch nicht sehr viel sagen, weil ich in diesem Bereich noch nicht genug praktische Erfahrung habe.
Aber allgemein habe ich die Bau- und Immobilienbranche in Deutschland als sehr konservativ erlebt. Das ist nicht nur in Deutschland so, sondern auch in vielen anderen Ländern. Im Vergleich zu anderen Branchen verändert sich die Baubranche eher langsam.
Konii: Was hat Sie überrascht an dem Bauen in Deutschland?
Sungwoo Kim: Überrascht hat mich vor allem die hohe Qualität der Details in der Ausführungsplanung. Viele Dinge werden sehr genau geplant und dokumentiert. Das fand ich sehr interessant.
Außerdem habe ich gesehen, dass es auch im Bereich BIM viele Versuche und Entwicklungen gibt. Man merkt, dass die Digitalisierung ein Thema ist, auch wenn sie in der Praxis nicht immer schnell umgesetzt wird.
Als Student war für mich besonders positiv, dass man von Deutschland aus sehr einfach andere europäische Länder besuchen kann. Dadurch konnte ich viele bekannte Gebäude direkt vor Ort sehen. Für ein Architekturstudium ist das ein großer Vorteil.
Konii: Ok, zugegeben, die Bau und Immobilienbranche gilt als eher konservativ und stark reguliert. Hat Sie das eher gebremst oder gerade motiviert?
Sungwoo Kim: Wie bereits gesagt, ist die Bau- und Immobilienbranche in fast jedem Land eher konservativ. In Deutschland kommt dazu noch eine starke Bürokratie. Dadurch können viele Prozesse langsam und manchmal auch ineffizient wirken.
Für mich war das aber eher eine Motivation als ein Hindernis. Gerade wenn ein System kompliziert ist, gibt es viele Möglichkeiten, es zu verbessern.
Die Projekte, die ich entwickelt habe, sind genau aus diesem Gedanken entstanden. Ich wollte ausprobieren, ob man bestimmte Prozesse einfacher, schneller und transparenter machen kann, zum Beispiel mit Hilfe von künstlicher Intelligenz.
Konii: Gab es im Studium oder in ihren Praktika diese einen Moment in dem Sie dachten: Oh weh das ist aber unnötig kompliziert das müsste man doch einfacher lösen?
Sungwoo Kim: Ja, solche Momente gab es. Besonders in Praktika und bei der Beschäftigung mit realen Bauprozessen habe ich gemerkt, wie lang und kompliziert viele Abläufe in der Architektur sind.
Von der ersten Idee über die Genehmigung bis zur Fertigstellung eines Gebäudes gibt es sehr viele Schritte. In Deutschland scheint dieser Prozess im Vergleich zu Korea oft deutlich länger zu dauern. Mein Eindruck ist, dass es manchmal zwei- bis dreimal so lange dauern kann.
Deshalb habe ich mich gefragt, ob man bestimmte Teile dieses Prozesses nicht automatisieren könnte. Vor allem Aufgaben, die auf Regeln, Gesetzen oder Dokumenten basieren, könnten meiner Meinung nach durch digitale Systeme unterstützt werden.
Konii: Und wann sind sie auf die Idee gekommen eine solche einfachere Lösung mit KI zu entwickeln?
Sungwoo Kim: Die Idee ist nicht an einem einzigen Tag entstanden. Sie hat sich Schritt für Schritt entwickelt. Während meines Studiums und durch meine ersten praktischen Erfahrungen habe ich immer stärker gemerkt, dass viele Prozesse in der Architektur sehr dokumentenbasiert und wiederholend sind.
Besonders die Prüfung von Vorschriften, Gesetzen und Anforderungen scheint ein Bereich zu sein, in dem KI helfen kann. Eine KI könnte Informationen schneller sortieren, vergleichen und erste Hinweise geben.
So kam ich auf die Idee, Architektur und KI miteinander zu verbinden. Ich wollte nicht nur über Digitalisierung sprechen, sondern selbst ausprobieren, was technisch möglich ist.
Konii: Wie sind Sie dabei vorgegangen?
Sungwoo Kim: Da ich kein Softwareentwickler bin, habe ich nicht mit klassischer Programmierung angefangen. Stattdessen habe ich mich zuerst mit LLMs und KI-basierten Tools beschäftigt. Besonders interessiert hat mich das sogenannte agentische Coding, also das Entwickeln mit Hilfe von KI-Agenten. Ich habe etwa zwei Monate lang sehr intensiv gelernt, teilweise bis zu 16 Stunden am Tag. Am Anfang war es natürlich schwierig, weil sehr viele neue Begriffe und Technologien dazukamen. Aber die Lernkurve war sehr steil. Durch viel Ausprobieren konnte ich relativ schnell erste Ergebnisse bauen. Für mich war wichtig, nicht zu lange nur theoretisch zu lernen, sondern direkt praktisch zu arbeiten.
Konii: Viele sprechen über Digitalisierung. Sie haben einfach angefangen zu bauen. Wie war für Sie der Einstieg in dieses KI-Universum ganz ohne praktische Erfahrung als Anwendungsentwickler oder Programmierer?
Sungwoo Kim: Der Einstieg war am Anfang natürlich herausfordernd. Im Bereich KI erscheinen im Moment fast jede Woche neue Modelle, neue Tools und neue Methoden. Viele Menschen fühlen sich davon überfordert und geben auf, bevor sie überhaupt richtig angefangen haben. Ich glaube aber, dass genau darin eine große Gefahr liegt. Wenn man jetzt nicht anfängt zu lernen, kann die Wissenslücke in Zukunft sehr groß werden. KI wird meiner Meinung nach in vielen Bereichen ein wichtiger Bestandteil der Arbeit werden.
Gleichzeitig sind die heutigen Tools viel zugänglicher als früher. Plattformen wie Claude oder OpenAI machen es auch Menschen ohne klassischen Programmierhintergrund möglich, eigene Anwendungen zu entwickeln. Deshalb war mein Ansatz: einfach anfangen, testen, Fehler machen und weiterlernen. Ich glaube auch, dass Unternehmen in Zukunft nicht nur einzelne KI-Tools nutzen werden. Sie werden ihre Arbeitsprozesse und vielleicht sogar ihre Organisationsstruktur an diese neue Technologie anpassen müssen.
Konii: Und was war für Sie die größere Herausforderung: Architektur in einem neuen Land zu studieren oder sich KI selbst beizubringen?
Sungwoo Kim: Beides war auf seine Weise eine große Herausforderung. Zuerst war es schwierig, mit nur grundlegenden Deutschkenntnissen nach Deutschland zu kommen, hier im Rahmen eines Working-Holiday-Aufenthalts zu leben, die Sprache zu lernen und später an einer deutschen Universität zu studieren.
Die zweite große Herausforderung war das Architekturstudium selbst. Ein Studium in einem anderen Land, in einer anderen Sprache und in einem anderen akademischen System zu absolvieren, war nicht einfach. Besonders die Diplomarbeit war ein wichtiger und anspruchsvoller Schritt. Jetzt kommt für mich eine neue Herausforderung dazu: ein neues technisches Feld zu lernen und Architektur mit KI zu verbinden. Ich sehe das nicht nur als Ende meines Studiums, sondern auch als Anfang eines neuen Weges.
Konii: Bringen wir es auf den Punkt: ein 32 jähriger Diplom-Ingenieur aus Südkorea baut in wenigen Wochen einen KI-Agenten zusammen der in wenigen Minuten prüft, ob ein Bauvorhaben auf Basis geltenden Rechts genehmigungsfähig ist. Dafür braucht die öffentliche Verwaltung mitunter Monate. Was möchten Sie der deutschen Bau- und Immobilienbranche mit Ihrer Arbeit beweisen?
Sungwoo Kim: Ich würde es etwas vorsichtiger formulieren. Mein aktuelles Tool ist noch nicht auf dem Niveau, dass es eine Genehmigungsfähigkeit vollständig und rechtssicher beurteilen kann. Dafür braucht es noch mehr Entwicklung, mehr Daten, mehr Tests und wahrscheinlich auch die Zusammenarbeit mit Fachleuten.
Aber ich glaube, dass die Richtung stimmt. Mit genug Zeit, Kapital und praktischer Erfahrung könnte ein solches System in Zukunft sehr nützlich werden. Es könnte Architekten, Projektentwickler oder Verwaltungen unterstützen, indem es erste Prüfungen schneller und strukturierter durchführt.
Ich möchte zeigen, dass die Bau- und Immobilienbranche viel effizienter werden kann. Die Privatwirtschaft reagiert oft sehr schnell, wenn ein Tool wirklich einen wirtschaftlichen Nutzen bringt. Bei großen Unternehmen und öffentlichen Institutionen dauert Veränderung wahrscheinlich länger.
Trotzdem glaube ich, dass die Prozesse in fünf Jahren nicht mehr genauso aussehen werden wie heute. KI wird viele Arbeitsabläufe verändern, auch in der Baubranche.
Konii: Und was treibt sie persönlich dabei an?
Sungwoo Kim: Ich denke, ich bin noch jung und habe noch viel Zeit zum Lernen und Arbeiten. Deshalb möchte ich meine Zeit bewusst investieren, um neue Dinge auszuprobieren und mich weiterzuentwickeln.
Natürlich können auch ein guter Job und ein gutes Gehalt eine Motivation sein. Aber für mich ist noch wichtiger, nicht nur über Ideen nachzudenken oder darüber zu sprechen, sondern sie direkt umzusetzen.
Ob etwas am Ende funktioniert oder nicht, ist nicht immer das Wichtigste. Jeder Versuch bringt Erfahrung. Diese Haltung treibt mich an: anfangen, lernen, verbessern und weitermachen.
Konii: Was wünschen Sie sich jetzt für ihre Arbeit an dem Ki-Tool?
Sungwoo Kim: Ich wünsche mir, dass solche Systeme in der Architekturbranche irgendwann normaler und standardisierter werden. Wenn digitale und KI-gestützte Systeme bestimmte wiederholende Aufgaben übernehmen können, hätten Architekten mehr Zeit für die eigentliche kreative Arbeit.
Dann könnten sie ihre Energie stärker in gutes Design, bessere Details und hochwertigere Räume investieren, statt zu viel Zeit mit unnötig komplizierten Prozessen zu verbringen.
Ich sehe KI nicht als Ersatz für Architekten, sondern als Werkzeug. Sie kann helfen, damit Menschen sich auf die Aufgaben konzentrieren können, bei denen menschliche Kreativität und Erfahrung wirklich wichtig sind.
Konii: Und wie sehen sie die Zukunft ihres Tools?
Sungwoo Kim: Ehrlich gesagt weiß ich noch nicht genau, wie die Zukunft dieses Tools aussehen wird. Ich lasse es im Moment eher offen und schaue, welche Möglichkeiten sich ergeben. Vielleicht entwickle ich es weiter, vielleicht entsteht daraus in einem Unternehmen ein professionelles Produkt. Es kann aber auch sein, dass jemand anderes eine ähnliche Lösung entwickelt.
Wichtig ist für mich: Ich glaube, dass solche Tools in Zukunft gebraucht werden. Aus wirtschaftlicher Sicht und auch aus zeitlicher Sicht ist es sinnvoll, Bauprozesse effizienter zu machen. Deshalb bin ich überzeugt, dass sich in diesem Bereich in den nächsten Jahren viel verändern wird.
Konii: Vielen Dank für das Interview!
