• Digitaler Zwilling eines Gebäudes. ylivdesign – Fotolia.com © Drees & Sommer
  • BIM als ganzheitlicher Ansatz zur Planung und Realisierung eines Projekts. © Drees & Sommer

Building Information Modeling wird zum Standard

ReaLLoaded: Der Expertenblog von Drees & Sommer!
Peter Liebsch - Leiter digitale Prozesse und Werkzeuge
13.08.2019

Während in deutschen Schlüsselindustrien wie der Automobilindustrie oder dem Maschinenbau digitale Prozesse und Werkzeuge bereits länger etabliert sind, hinkt der Bausektor dieser Entwicklung hinterher. So nutzen in Deutschland, Österreich und der Schweiz beispielsweise nur wenige Bauherren durchgehend digitale Planungsmethoden. Das soll sich bald ändern: Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur hat für nächstes Jahr festgelegt, dass öffentliche Infrastrukturprojekte BIM-gestützt abgewickelt werden müssen. Das verändert jahrzehntelang festgelegte Abläufe in den meisten Unternehmen, die von der Regelung betroffen sind - und das nicht nur in technischer, sondern auch in organisatorischer und personeller Hinsicht.

Erst planen, dann bauen

Was aber ist BIM eigentlich? In die deutsche Sprache übersetzt entspricht der Begriff Building Information Modeling wohl am ehesten der Übersetzung Bauwerksdatenmodellierung. Darunter fällt jedoch längst nicht nur der Einsatz der passenden Software. Vielmehr geht es um Planungsmethoden, Prozesse und die Zusammenarbeit. Bei BIM werden nicht einfach 2D-Plangrafiken mit Hilfe von CAD-Werkzeugen erstellt. Stattdessen wird aus einzelnen Elementen ein digitales Modell des späteren Gebäudes konstruiert, ähnlich wie es in der Automobilproduktion üblich ist. Ziel ist es, für alle Bauakteure zugängliche, digitale Gebäudedatenmodelle zu erstellen, zu koordinieren und zu übergeben. Betroffen sind davon verschiedene Planungsbereiche wie Architektur, Tragwerk, Fassade oder TGA.

Vereinfacht folgt BIM dem zwar schlichten, aber äußerst bewährten Motto: „Erst planen, dann bauen“. Zunächst soll ein Bauherr also virtuell bauen lassen und alle Prozesse in Simulationen abbilden, danach erst real bauen. Ein grundlegender Unterschied zu herkömmlichen CAD-Planungsmodellen: Mit BIM lässt sich nicht nur ein einfaches digitales Abbild eines Bauwerks erstellen, sondern eines mit großer Informationstiefe. Hierzu gehören beispielsweise auch Informationen zur Lebensdauer des Materials, zur Schalldurchlässigkeit, zum Brandschutz oder zu den Kosten. Im Idealfall umfasst BIM ganzheitlich den gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks – von der Planung über den Bau, den Betrieb und das Facility Management bis hin zur Entsorgung oder Wiederverwertung.

BIM verringert Termin-, Kosten- und Qualitätsrisiken

Mit BIM lassen sich Planungsfehler frühzeitig erkennen und eliminieren, sodass sie im Bauablauf gar nicht erst zum Tragen kommen. So wird es möglich, teure Fehlentscheidungen bzw. Planungsunstimmigkeiten bereits im Vorfeld zu vermeiden. Wer als Bauherr BIM richtig einsetzt bzw. einsetzen lässt, kann somit Termin-, Kosten- und Qualitätsrisiken verringern. Darüber hinaus überzeugen Vorteile wie die Konsistenz, die Eindeutigkeit und die Möglichkeit der Mehrfachverwendung der BIM-Modell-Daten.

Auftraggeber profitieren zudem von effizienten Arbeitsabläufen, die Planungs- und Ausführungsqualität erhöhen sich. Die Kosten der Bauvorhaben lassen sich durch die Anwendung von BIM genauer vorhersagen und die Bauzeiten verlässlicher planen. So können an Kosten- und Termine gekoppelte Entwurfsvarianten bereits in einer sehr frühen Phase durchgespielt werden. Nicht zuletzt können geometrische Kollisionen zwischen den Gebäudemodellen der verschiedenen Planer frühzeitig festgestellt und somit zu geringen Kosten behoben werden. Simulierte Bau- und Montageabläufe bieten Schutz vor unangenehmen Überraschungen auf der Baustelle.

Sowohl Aufbau als auch Pflege des BIM-Datenmodells ist zwar gerade in den frühen Projektphasen aufwendiger als bei der zeichnungsorientierten Arbeitsweise. Der Aufwand macht sich jedoch bezahlt, da in den folgenden Phasen der Genehmigungs-, Ausführungs- und Fachplanung vieles halbautomatisiert aus dem Modell abgeleitet werden können.

Mut zur Veränderung

BIM ist zwar ein großer Schritt in Richtung digitalisierter Planungs- und Ausführprozess. Die vernetzte Nutzung von BIM-Managementtools erfordert jedoch teils erhebliches Spezialwissen. Der Erfolg von BIM steht und fällt daher mit entsprechenden Experten aufseiten des Bauherrn, beim Projektmanagement sowie bei den Planern. Diese müssen nicht nur die notwendige Software beherrschen, sondern sich auch gemeinsam auf Kommunikations-, Koordinations- und Informationsstandards einigen und konsequent im Projekt umsetzen. Es gilt daher, Know-how aufzubauen, Verantwortlichkeiten zu definieren und Rollen neu zu verteilen- Beteiligte – ob Bauherr, Architekt oder Planer – müssen finanzielle Mittel und vor allem Zeit investieren, um die Mitarbeiter zu schulen, ihnen Workshops anzubieten und das BIM-Wissen anhand von Pilotprojekten zu praktizieren.

Auch wenn die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Arbeit mit BIM hierzulande noch nicht umfassend ausgearbeitet sind, sollten Unternehmen mutig sein und neue Wege gehen. Denn schon heute zeigen die positiven Erfahrungen, dass die BIM-Methode einen großen Mehrwert für die Bau- und Immobilienbranche bietet. Wer von den Vorteilen profitieren will, sollte also die Zweifel beiseitelassen und anfangen zu handeln. Denn eines ist sicher: BIM wird die Zukunft des Bauens maßgeblich bestimmen.

Über den Autor

Peter Liebsch studierte Architektur an der Technischen Universität Darmstadt. In den Jahren 2005 bis 2015 sammelte er Praxiserfahrungen in Großbritannien und Australien, wo er seit 2010 in der Funktion des Global Head of Design Technology bei dem Architekturbüro Grimshaw die Entwicklung von digitalen Werkzeugen für den gesamten Entwurfsprozess vorantrieb. Zu Schwerpunkten seiner Arbeit gehörten unter anderem die Entwicklung von digitalen Werkzeugen und die Umsetzung von Building Information Modeling in Projekten. Seit März 2015 ist Peter Liebsch für Drees & Sommer als Leiter Digitale Prozesse und Werkzeuge tätig. Neben der Entwicklung interner Prozesse und Leitfäden für die BIM-Projektabwicklung unterstützt und berät Peter Liebsch zahlreiche Projekte bei der Entwicklung und Umsetzung einer BIM-Strategie.