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Die Digitalisierungsprämie als Startschuss für BIM?

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Peter Liebsch - Leiter digitale Prozesse und Werkzeuge
07.12.2020

In den nächsten Jahren wollen fast 80 Prozent der Firmen mit der digitalen Planungsmethode BIM arbeiten. Allerdings verfügt bislang weniger als jeder Fünfte über eine ausgereifte Strategie für das digitale Bauen. Das ist das Ergebnis einer Umfrage der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC. Teilgenommen haben im vergangenen Jahr 100 Unternehmen aus den Bereichen Planung & Design sowie Bau und Anlagenbau. Eine bessere digitale Infrastruktur und finanzielle Zuschüsse durch den Bund seien laut Umfrageteilnehmer sehr wichtig, um den Einsatz von BIM zu fördern. In Baden-Württemberg gibt es bereits eine Digitalisierungsprämie, die dortige Planungsunternehmen nutzen sollten.

Gerade im letzten halben Jahr gab es bei den Architektur- und Planungsbüros coronabedingt einen Schub in Richtung Digitalisierung. Planer und Architekten waren gezwungen, größtenteils von Zuhause aus zu arbeiten und sich virtuell abzustimmen. Viele Planungsbüros haben deswegen für das mobile Arbeiten entweder ihre bestehenden IT-Infrastrukturen ausgebaut und Daten über das sogenannte Virtual Private Network (VPN) übertragen oder sie haben auf cloud-basierte Systeme gesetzt. Letzteres ermöglicht eine noch tiefere Verschmelzung von digitalen Prozessen mit weiteren Projektbeteiligten.

Solche virtuellen Abstimmungen sind auch ein zentraler Schritt hin zur virtuellen Zusammenarbeit, wie sie auch die digitale Planungsmethode Building Information Modeling, kurz BIM, voraussetzt. Denn BIM ist ja im Prinzip nichts anderes, als digital und vernetzt zusammenzuarbeiten. Bevor überhaupt ein Stein auf der Baustelle umgedreht wird, können Architekten und Planer mit BIM ein digitales Modell des späteren Gebäudes erstellen. Das hat bei Bedarf eine Informationstiefe bis ins kleinste Detail. Es umfasst also nicht nur geometrische Daten, sondern genauso sämtliche Angaben wie etwa zu Material oder Brandschutz. Simulieren lassen sich auch sämtliche Termin-, Bau- und Montageabläufe. Im Idealfall können alle Bauakteure im Modell in Echtzeit von überall aus zugreifen und ihre Arbeiten eintragen. Kurzum: Das Gebäude, das entstehen soll, hat also einen Zwilling in der digitalen Welt und alle Informationen, die er enthält, sind über eine Cloud zugänglich.

Land Baden-Württemberg zahlt Digitalisierungsprämie aus

66 Millionen Euro will das Wirtschaftsministerium Baden-Württembergs dem Mittelstand nun zur Verfügung stellen, damit er in die Digitalisierung investieren kann. Und hier sollten auch Planungsbüros zugreifen. Wie sie den Digitalisierungszuschuss genau verwenden, ist natürlich immer von ihrem digitalen Status quo abhängig. Während die einen das Geld vielleicht in die Hand nehmen, um endlich in eine BIM-Software zu investieren, muss andernorts womöglich erst einmal eine zuverlässige, sichere IT-Infrastruktur aufgebaut werden. Letzteres ist immer sinnvoll, da in der Planung große Datenmengen anfallen. Hier lohnt es sich für Planer zudem, sich mit dem Thema Cloud zu beschäftigen. Denn wer digitale Abstimmungsprozesse etabliert, sollte auf Lösungen setzen, die langfristig funktionieren, auch vor dem Hintergrund, dass die Pandemie noch eine Weile andauern wird.

Wer die Digitalisierungsprämie für BIM einsetzen möchte, der muss wissen: Es geht dabei um weit mehr als um den Kauf bloßer Software. Die große Herausforderung ist vielmehr, das BIM-spezifische Know-how aufzubauen, Prozesse basierend auf der BIM Methode neu zu definieren und umzusetzen, Verantwortlichkeiten zu definieren und Rollen neu zu verteilen. Architekten und Planer müssen finanzielle Mittel und vor allem Zeit investieren, um ihre Mitarbeiter zu schulen. Sie müssen ihnen ermöglichen, das BIM-Wissen anhand von Pilotprojekten zu praktizieren.

Raus aus der Komfortzone

Doch auch, wenn die Pandemie zu einem Ausbau digitaler Prozesse bei Architekten und Planern geführt hat, besteht nach wie vor eine große Diskrepanz zwischen dem, was möglich wäre, und dem, was getan wird. Das hat viel mit jahrzehntelangen Gewohnheiten zu tun. Hinzu kommt: Bei einem Büro mit drei bis sechs Mitarbeitern sind die Investitionen in Softwarelizenzen und Schulungen schwieriger zu verteilen als bei größeren Büros. Sicher ist: Wenn digitale Prozesse einmal rund laufen, dann erwarten sowohl Aufraggeber als auch weitere Projektbeteiligte das als Standard. So wird der Bedarf an Systemen, die durchgängige, digitale Prozesse ermöglichen, stetig steigen. Niemand wird im nächsten Projekt nach Corona nur noch auf das Reißbrett zurückgreifen.

Über den Autor

Peter Liebsch studierte Architektur an der Technischen Universität Darmstadt. In den Jahren 2005 bis 2015 sammelte er Praxiserfahrungen in Großbritannien und Australien, wo er seit 2010 in der Funktion des Global Head of Design Technology bei dem Architekturbüro Grimshaw die Entwicklung von digitalen Werkzeugen für den gesamten Entwurfsprozess vorantrieb. Zu Schwerpunkten seiner Arbeit gehörten unter anderem die Entwicklung von digitalen Werkzeugen und die Umsetzung von Building Information Modeling in Projekten. Seit März 2015 ist Peter Liebsch für Drees & Sommer als Leiter Digitale Prozesse und Werkzeuge tätig. Neben der Entwicklung interner Prozesse und Leitfäden für die BIM-Projektabwicklung unterstützt und berät Peter Liebsch in zahlreichen Projekten bei der Entwicklung und Umsetzung einer BIM-Strategie.