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Quelle: SAP SE

Die Immobilie als essentieller Bestandteil der Mobilität der Zukunft

SAP Real Estate Briefing - Der Expertenblog von SAP zur Digitalisierung in der Immobilienwirtschaft
Dr.-Ing. Sebastian Wagner - Business Development SAP Intelligent Real Estate
05.07.2022

Die Entscheidung des EU-Parlaments, dass neu zugelassene Autos und leichte Nutzfahrzeuge ab dem Jahr 2035 kein Kohlendioxid mehr ausstoßen dürfen, wird – sollte sie auch vom Ministerrat abgesegnet werden – weitreichende Folgen haben, nicht nur für die Fahrer und Nutzer von Fahrzeugen, sondern auch für andere Gruppen, allen voran die Automobil- und Mineralölindustrie. Aber auch die Besitzer und Betreiber von Infrastrukturobjekten und Immobilien sowie Wohnquartieren werden sich neuen Herausforderungen stellen müssen.

Oberstes Ziel wird die Schaffung eines flächendeckenden, effizienten, sicheren und zugleich bezahlbaren Ladenetzes für unterschiedliche Mobilitätsszenarien und Nutzergruppen sein. So ist zu erwarten, dass die EU-Staaten verpflichtet werden, die Ladeinfrastruktur an Fernstraßen deutlich auszubauen, damit bei längeren Fahrten schnelles Nachladen ohne große Umwege und Wartezeiten möglich ist. Hierzu wird zunächst einmal vorhandene Infrastruktur wie Tankstellen und Rasthöfe genutzt werden. Aber auch die Nutzung von Parkplätzen an der Autobahn oder P&R-Plätzen an Autobahnausfahrten für Ladestationen mit autarken, photovoltaik-gespeisten Anlagen sind Optionen, die geprüft werden sollten. Eine interessante, wenn auch aufwendige Alternative zu den ebenfalls recht aufwendigen Oberleitungsprojekten auf deutschen Autobahnen eröffnet sich durch die Nutzung von induktiver Ladung während der Fahrt, woran gerade an verschiedenen Universitäten geforscht wird. Während diese Technologien das Laden während der Fahrt ermöglichen, ist der bauliche Aufwand aber groß und durch die Verwendung von Stahl, Beton, Asphalt und anderen Baumaterialien wird die Kohlendioxidbilanz negativ belastet, auch wenn Recycling-Materialien oder „grüner“ Asphalt mit Pflanzenkohlenstoff verwendet wird. Es ist davon auszugehen, dass zu den Schnellladestationen an Tankstellen und Rasthöfen zunächst einmal keine wirklich günstigen und klimaschonenden Alternativen für das Nachladen auf langen Fahrten geben wird.

Aber auch in der Stadt wird es mehr Angebote geben müssen Elektrofahrzeuge laden zu können. Dazu werden diejenigen öffentlichen Lademöglichkeiten vermutlich nicht ausreichen, die mit vertretbarem wirtschaftlichen Aufwand erstellbar sind. Das macht die Nutzung von halb-öffentlich zugänglichen Parkflächen und Ladestationen von Unternehmen, Einrichtungen wie Schulen und Universitäten, Hotels oder Wohnkomplexen interessant. In den im Gebäude befindlichen Tiefgaragen, den zugehörigen Parkgaragen und auf Parkplätzen im Freien könnten dann neben der Aufladung von dienstlich bzw. gewerblich genutzten Elektrofahrzeuge der Unternehmen auch private Elektrofahrzeuge von Kunden, Mietern, Besuchern, Gästen, und Mitarbeitern geladen werden. Das hat den Vorteil, dass ein Großteil der erforderlichen Infrastruktur schon vorhanden ist. Kosten für Zufahrts-, Sicherungs- und Parkleitsysteme sowie Abrechnungssysteme kommen allerdings noch dazu. Diese sind erforderlich um einen reibungsfreien Betrieb zu gewährleisten, der es den Eigentümern erlaubt über das Laden von externen Fahrzeugen eine Rendite zu erzielen und somit das Bauen und Zurverfügungstellen von Ladeinfrastruktur attraktiver zu machen.

Die Einnahmen durch das Laden von Fremdfahrzeugen ist aber nicht der einzigen Vorteil der halböffentlichen Lademöglichkeiten für den Eigentümer oder Betreiber von Immobilien; denn durch die Lademöglichkeit lässt sich auch die Attraktivität von Gebäuden oder sogar ganzen Quartieren erhöhen, was genutzt werden kann um für mehr Laufkundschaft für im Gebäude oder im Quartier befindliche Geschäfte, Restaurants, Dienstleister, Praxen etc. zu generieren. Studien wie die vom Immobilienberater Knight Frank aus dem Jahr 2021 zeigen, dass das Angebot von Ladestationen die Aufenthaltszeit in Geschäften verlängert und auch entsprechend mehr Geld ausgegeben wird. Aber auch Mieter und andere Nutzer wissen eine vorhandene Ladeinfrastruktur zu schätzen, weswegen eine vorhandene Ladeinfrastruktur schon jetzt einen Wettbewerbsvorteil bei der Vermarktung darstellt. Nicht zuletzt können Investoren, Eigentümer und Besitzer die ESG-Bewertungskriterien ihres Gebäudeportfolios aktiv verbessern und die Nachhaltigkeit des Unternehmens unterstreichen und deutlich nach außen sichtbar machen.

Es steht also außer Frage, dass das Angebot von Ladeinfrastruktur zu einer deutlichen Aufwertung der Immobilie führt. Und gerade weil die Anfangsinvestitionen hoch sind, sollten sich Eigentümer, Besitzer und Betreiber von Immobilien überlegen, ob sie die bislang ausschließlich selbst genutzten Ladesäulen für Externe zumindest zeitweise zur Verfügung stellen; denn die zusätzlichen Einnahmen helfen langfristig gesehen die Kosten für Bau und Betrieb der Ladeinfrastruktur zu kompensieren. Ideal sind dabei Standzeiten an den Ladesäulen von zwei bis drei Stunden, damit möglichst viele Fahrer laden können und somit die Attraktivität des Ladestandorts steigt. Über Anreizprogramme wie zum Beispiel der Übernahmen der Ladekosten bei Einkauf in bestimmten Geschäften kann die Attraktivität und damit die Nutzung der Ladeinfrastruktur weiter gesteigert werden.

Für die Optimierung dieser Prozesse ist die Nutzung von Software in Form von mobilen Applikationen und dem Internet of Things (IoT) – also in diesem Fall der Kommunikation zwischen den beteiligten Fahrzeugen, Ladesäulen und Gebäuden – unumgänglich. Langfristig wird wohl IoT die dominierende Rolle spielen und die Kommunikation immer mehr zwischen Fahrzeug („Ladesäule gesucht“) und Gebäude („Ladesäule frei“) erfolgen, in welchem der Mensch nur noch Wünsche, Vorlieben und Ziele übergibt und das System dann selbständig die Navigation übernimmt. Mit Hilfe der Software kann der Nutzer das Laden abhängig von Kosten, Entfernung zum Arbeits- oder Einkaufsort oder einfacher Erreichbarkeit optimieren. Neben den oben genannten, mit den Fahrzeugsystemen integrierten Software-Lösungen wird es dazu passender Abrechnungsverfahren bedürfen. Auch hier sollte es dem Nutzer möglichst einfach gemacht werden Ladevorgänge schnell starten und effizient abschließen zu können, zum Beispiel mittels Kennzeichenerkennung beim Einfahren in das Gebäude, durch intelligente Parkleitsysteme oder durch kontaktloses Bezahlen. Eine deutliche Effizienzsteigerung ist schließlich durch autonom fahrende Fahrzeuge oder automatische Parksysteme zu erwarten, die die effiziente Nutzung der Ladeinfrastruktur deutlich erhöhen können, da sie das Laden an sich unabhängig von der Anwesenheit des Fahrers machen.

Matthias Grimm, Globaler Leiter des Immobilienportfolio- und Gebäudemanagements der SAP SE, betont: „Mobilität und insbesondere Elektromobilität haben für uns zentrale Bedeutung: SAP wird ab 2025 ausschließlich Fahrzeuge mit emissionsfreiem Antrieb in seine Flotte aufnehmen. Teil unseres Mobilitätskonzeptes wird der Ausbau unserer Ladeinfrastruktur an allen Standorten sein. Für eine effiziente Nutzung und Ausbau der Infrastruktur sind intelligente Ladelösungen mit entsprechendem Lastmanagement gefragt, die im Zusammenspiel mit der Gebäudeleittechnik optimierte Lösungen zulassen.“

Mit Hilfe der Integration von halb-öffentlicher Parkinfrastruktur und durch den Einsatz einer vernetzten Ladeinfrastruktur, moderner Gebäudeleittechnik, autonomen Fahrens und mobilen Apps können in Zukunft also deutlich mehr E-Fahrzeuge im Alltag mit Energie versorgt werden als bei ausschließlich privater Nutzung. So werden private Immobilien und Parkplätze sowie intelligente Gebäudetechnik zu wichtigen, wenn nicht sogar essentiellen Bestandteilen der Mobilität der Zukunft.