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Nachhaltigkeit: Vom Frosch im Kochtopf

TRANSFORMING THE BUSINESS OF BUILDINGS - Der BLOG von BuildingMinds
Jens Mueller - COO
12.07.2020

Zertifikate, Standards und ESG-Strategien – in punkto Nachhaltigkeit wurde die Immobilienbranche schon von einigen Wellen erfasst. In den vergangenen beiden Blogposts haben wir sie genauer beleuchtet. Jede Entwicklung für sich hat ihre Berechtigung, aber die erhoffte Wirkung – eine nachhaltigere Immobilienwirtschaft – blieb bislang weitgehend aus oder steht in den Sternen. Auch die Corona-Krise hat ihren Teil zu dieser Ungewissheit beigetragen – und ist gleichsam Chance für ein Umdenken.

Die Pandemie hat alle Aufmerksamkeit und Energie auf sich gezogen, um sie einzudämmen. Mit andauerndem Lockdown und danach wurden – im Versuch, der Krise Gutes abzugewinnen – auch zunehmend positive Effekte thematisiert, darunter die bessere Luftqualität in den Städten und der drastisch reduzierte CO2-Ausstoß. Ein aktueller Blick auf die Straßen und die Verkehrsdichte besonders in den Morgen- und Feierabendstunden genügt jedoch, um zu erkennen, dass dies nur vorübergehender Natur war. Die „neue“ Normalität gleicht der „alten“ in vielen Lebensbereichen auf fatale Weise. Dabei ist #flattenthecurve weiterhin das Gebot der Stunde. Nur geht es um die viel gewaltigere Kurve: Statt Infektionszahlen bildet sie CO2-Emissionen ab. Fakt ist: Normalität ist in diesem Punkt tödlich. Und zwar im wörtlichen Sinne.

Es drängt sich die Analogie vom Frosch auf: Er sitzt so lange im sich langsam erhitzenden Wasser, bis es zu spät ist. Wahrscheinlich ist es im warmen Wasser anfangs sogar ganz gemütlich. Setzt man ihn hingegen direkt ins heiße Wasser, sorgt der Schmerzreiz dafür, dass er es fluchtartig wieder verlässt. Während uns die Pandemie unmittelbar zu gesellschaftlichem und – um die Rezession abzumildern – wirtschaftlichem Handeln zwingt, spüren wir in Sachen Klimawandel offenbar weniger Handlungsdruck. Das mag daran liegen, dass wir die Auswirkungen der Klimakrise viel schleichender erfahren. Doch dieser Eindruck trügt.

Besonderer Handlungsdruck im Immobiliensektor

Um das Pariser Klimaabkommen einzuhalten, müssen laut World Green Building Council alle neu errichteten Gebäude ab 2030 CO2-neutral sein, ab 2050 gilt dies für den gesamten Gebäudebestand. Dem gegenüber steht mit rund 40 Prozent der CO2-Emissionen, 30 Prozent des Energie- und 50 Prozent des Ressourcenverbrauchs bekanntermaßen ein enormer ökologischer Fußabdruck. Mittlerweile haben sich die Gesetzgeber des Themas angenommen. Mit der EU-Taxonomie dürfte die Immobilienbranche die ersten Schmerzpunkte spüren. Und der Handlungsdruck steigt mit jedem einzelnen Tag. Auch die allseits aufgelegten Konjunkturprogramme und damit verbundenen Gelder sind vielfach an Nachhaltigkeitskriterien geknüpft. Die Branche scheint das derzeit kaum zu tangieren. Zwar werden zahlreiche neue Standards und Strategien entwickelt. Dennoch dominiert der Eindruck, dass sich die Branche ähnlich wie der Frosch im warmen Wasser recht wohl fühlt und die Dringlichkeit zu handeln verkennt.

Dabei steht derjenige, der heute eine Immobilie kauft, vor einer einfachen Rechnung: Wie hoch fallen die Investitionskosten über den Lebenszyklus aus, um die Emissionen gesetzeskonform zu minimieren? Oder etwas ketzerischer: Wie hoch wären die Strafzahlungen oder Steuern, wenn die Emissionen nicht ausreichend gesenkt werden? Diese Rechnung verkompliziert sich mit der Größe und Komplexität des jeweiligen Portfolios. Demjenigen, der nun meint, die einfachste Rechenart sei, all das auszublenden, droht ein böses Erwachen – nicht nur, weil sich die heute vermeintlich günstigen Assets in absehbarer Zeit als unwirtschaftlich erweisen könnten, sondern auch, weil die Regulatorik Fakten schafft.

Daten als Basis für solide und agile Entscheidungsfindung

Die Erkenntnis ist nur der erste Schritt. Was Eigentümern, Investoren und Asset-Managern weithin fehlt, ist eine geeignete Entscheidungsgrundlage. Es ist also nicht damit getan, handeln zu wollen. Auch Strategien zu erarbeiten, kann nur den Auftakt markieren. Für rationale Entscheidungen braucht es Daten, die sinnvoll verknüpft werden und Korrelationen sichtbar machen. Digitale Technologien wie Artificial Intelligence und Machine Learning sind dafür der Schlüssel. Digitalisierung und Nachhaltigkeit müssen also nicht nur für sich, sondern auch in Kombination zwingend fester und prominenter Bestandteil der „neuen Normalität“ sein. Das befreit uns nicht von der Gefahr weiterer unerwarteter Krisen, versetzt uns aber in die Lage, agil damit umzugehen.

In den vergangenen beiden Blogposts haben wir sie genauer beleuchtet.

hier geht’s zu Teil 1

und Teil 2 unserer Serie.