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Von der Pflicht zur Kür: Lässt sich der Stranding-Moment versichern?

TRANSFORMING THE BUSINESS OF BUILDINGS - Der BLOG von BuildingMinds
Dr. Jens Hirsch - Head of Sustainability & Scientific Research
28.06.2022

Das Ringen um mehr Nachhaltigkeit betrifft Versicherungen auf verschiedenen Ebenen, auch und besonders mit Blick auf Immobilien. Der Erfolgsschlüssel für die nachhaltige Transformation? Daten!

Um die 30 Grad und Unwetter bereits im Mai – es deutet sich an, dass 2022 ein weiteres Jahr der Wetterextreme wird. Bereits 2021 haben Stürme und Fluten Rekordschäden verursacht – nicht zuletzt an Immobilien. Gleichzeitig sorgt der Kampf gegen den Klimawandel für erhebliche regulatorische Eingriffe. Von diesen verschiedenen Facetten im Ringen um mehr Nachhaltigkeit sind Versicherungen in besonderem Maße betroffen und wie nie zuvor zum Handeln gezwungen. Meistern sie die Herausforderungen, könnten sie zu Treibern der nachhaltigen Transformation auch im Immobiliensegment avancieren.

Wachsender Handlungsdruck

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) beziffert die Schäden durch Naturereignisse wie Starkregen und Überschwemmungen, Sturm und Hagel in Deutschland für 2021 auf 12,7 Milliarden Euro – das höchste Schadensaufkommen der deutschen Versicherer jemals. Auf 1.000 Sachversicherungsverträge mit Elementarabdeckung kamen demnach im bundesweiten Schnitt gut 22 Schadensmeldungen – gegenüber knapp 4 (!) im Jahr 2020. Erfasst sind darin neben Wohnhäusern, Hausrat und Autos auch Gewerbe- und Industriebauten.

Doch der klassische Versicherungsschutz, also die Produktseite, ist nicht die einzige Ebene, auf der Versicherer betroffen sind. Der Klimawandel, bedingt vor allem durch die seit Jahrzehnten steigenden CO2-Emissionen, zieht komplexe Herausforderung nach sich. Egal, ob es um den Geschäftsbetrieb in unternehmenseigenen Immobilien, Immobilienbestände als Kapitalanlage oder die versicherungstechnische Seite geht – die Folgen des Klimawandels für die Assekuranz sind nicht nur physischer, sondern auch regulatorischer Art.

Entscheidend ist aus beiden Blickwinkeln jedoch die Reduktion des CO2-Ausstoßes – schon allein auch deshalb, weil der GDV das Ziel der Klimaneutralität bei den eigenen Geschäftsprozessen der deutschen Versicherer bis 2025 und bei ihren Kapitalanlagen bis 2050 ausgerufen hat. Darüber hinaus haben sich viele Versicherer zur nachhaltigen Kapitalanlage und teilweise zur UN Net-Zero Asset Owner Alliance bzw. der UN Net-Zero Insurance Alliance bekannt. Die Branche, die wie kaum eine andere auf das Vertrauen ihrer Kunden angewiesen ist, muss also liefern, wenn sie sich nicht dem Vorwurf aussetzen will, ihrer Verantwortung und ihrem Bekenntnis nicht nachzukommen – oder schlimmer noch: Greenwashing zu betreiben. Anders ausgedrückt: Ihr Erfolg muss nachweisbar sein.

Reputationsrisiken durch fehlende Daten(transparenz)

Zwischen dieser Erkenntnis und zielführenden Reaktionen klafft jedoch eine enorme Lücke, die sich konkret im Fehlen verlässlicher Daten manifestiert. Welche Emissionen entstehen durch die Kapitalanlageobjekte oder auch durch die von den Unternehmen genutzten Gebäude? Woher stammen die Daten, bilden sie die Realität oder gar künftige Risiken adäquat ab? Was lässt sich aus den Daten ableiten – nicht nur mit Blick auf das Management von Immobilienportfolios, sondern etwa auch auf den Zuschnitt von Versicherungsprodukten? Viele dieser Fragen sind noch unbeantwortet. Dabei sammeln Versicherer durchaus Daten. Das darf jedoch kein Selbstzweck sein.

Sowohl zu wenige als auch die falschen Daten haben zur Folge, dass sich zum einen Risiken nicht adäquat bewerten, managen oder versichern, und zum anderen unternehmerische Entscheidungen nicht glaubwürdig begründen lassen. Gleichsam lauern schon bei der Datenerhebung viele Hürden, die sich auf eine enorme Fragmentierung des Marktes und damit der Daten zurückführen lassen.

Wurden die Daten – gegenwärtig meist bruchstückhaft, mühsam und in der Folge potenziell fehlerbehaftet – zusammengebracht, stellt sich die Frage der Analyse und der daraus ableitbaren Schlüsse, um beispielsweise zielgerichtete Maßnahmen zur Reduktion der CO2-Emissionen eines Gebäudes oder ganzen Immobilienportfolios mit begrenztem Budget und zu einem definierten Zieldatum zu identifizieren und im Verlauf immer wieder abzugleichen. Die Liste der Problemstellungen ließe sich beliebig fortsetzen.

Die holistische Sicht auf Immobilien

Die Lösung muss sich angesichts dieser Komplexität aus verschiedenen Elementen zusammensetzen. Zum einen bedarf es einer Datenplattform, in der alle Informationen zusammenlaufen – auf Objektebene in Form des digitalen Gebäudezwillings. Er enthält alle Informationen von der Lage – was in Kombination mit weiteren Analysen und Quellen Rückschlüsse auf physische Klimarisiken erlaubt – bis hin zum Energieverbrauch und damit verbundenen Emissionen. Auch im engeren Sinne versicherungsrelevante Details lassen sich darin abbilden, etwa die technische Gebäudeinfrastruktur wie Rauchmelder oder Sprinkleranlagen.

Damit die Daten aus verschiedenen Quellen und Systemen auf einer Plattform verarbeitet werden können, bedarf es zum anderen einer gemeinsamen Datensprache. Sind die Daten auf der Plattform zusammengeführt und harmonisiert, beginnt die eigentliche Arbeit: Szenarien müssen entwickelt und geeignete Maßnahmen abgeleitet werden, die das Portfolio sowohl dem erklärten Dekarbonisierungsziel koordiniert näherbringen als auch Anforderungen der Wirtschaftlichkeit genügen. Unentbehrlich ist zudem die Überprüfung der Ergebnisse und bei Bedarf eine Nachjustierung der geplanten Retrofit-Maßnahmen.

Den Stranding-Moment erkennen – und angemessen reagieren

Die notwendige Dekarbonisierung des eigenen Anlageportfolios ist eine Grundvoraussetzung für eine nachhaltige Geschäftsentwicklung und spitzt sich in einer Frage zu: Wann wird ein Gebäude zum Stranded Asset, das regulatorische Anforderungen oder schlichtweg die Erwartungen des Immobilienmarktes nicht mehr erfüllt und deutliche Preisabschläge erleidet? Aus diesem Instrumentarium – Datenplattform und gemeinsame Datensprache – sowie dem daraus gewonnenen Wissen können und müssen Versicherungen den Bogen zu ihrem Produktportfolio spannen, denn eine Frage drängt sich auf: Lässt sich der Stranding-Moment versichern?

Fest steht: Die Macht der Versicherer ist enorm – und mit ihr auch ihre Verantwortung. Unternehmen sind auf Versicherungsschutz angewiesen und Immobilien spielen nicht nur als zumeist fester Bestandteil von unternehmerischen Aktivitäten eine enorme Rolle, sondern auch im Kampf gegen den Klimawandel. Die Digitalisierung ist dabei der Schlüssel – übrigens weit über den Anwendungsfall ESG hinaus. Ihr Einfluss könnte die gesamte Wertschöpfungskette der Assekuranz verändern, um nicht zu sagen: optimieren – und damit auch unmittelbar Einfluss auf das Immobiliensegment nehmen.

Der Beitrag entstand in Co-Autorenschaft mit Manuel Holzhauer, Insurance Industry Executive bei Microsoft Germany.