Wenn Infrastruktur auf Wanderschaft geht: So gelingt der Rechenzentrumsumzug

26.01.2026

Kartons packen, Möbel raus, Pflanzen vorsichtig auf den Beifahrersitz – fertig. Was beim Umzug in die eigenen vier Wände im Idealfall noch recht unkompliziert von statten geht, lässt sich nicht so einfach auf ein Rechenzentrum übertragen. Hier bewegen sich bei einem Standortwechsel kritische Infrastrukturen und hochsensible Anlagen. Da es sich um ein komplexes Projekt handelt, das eine sorgfältige Planung und ein strukturiertes Vorgehen erfordert, wird der Umzug von einem Standort zum anderen in insgesamt fünf Phasen unterteilt.

Bestände erfassen und Weichen stellen

In der Analysephase erfolgt zunächst eine detaillierte Auswertung des Ist-Zustands anhand von bestehenden Asset-Listen, die beispielsweise in Form von Excel-Tabellen vorliegen. Die Auswertung gibt somit einen guten Überblick über alle im Rechenzentrum eingesetzten Systeme, Abhängigkeiten und Schnittstellen. Ergänzend dazu führen die beauftragten Umzugs-Experten eine detaillierte Bestandsaufnahme vor Ort durch, die unter anderem die Server, Netzwerkkomponenten und die Verkabelung einschließt. Um später genau koordinieren zu können, welche Objekte umziehen, erhalten diese einen Klebepunkt in der Farbe rot, grün oder gelb. Objekte, die umziehen, bekommen einen grünen Punkt, solche, die zurückbleiben, einen roten und jene, die nicht in den jeweiligen Übersichten aufgeführt sind, einen gelben. Auf dieser Basis entsteht anschließend ein Zielbild, das den zukünftigen Soll-Zustand des Rechenzentrumumzugs darstellt.

Planung umsetzen und Umzug vorbereiten

Die Planungsphase übersetzt die Analyseergebnisse in einen genau durchgetakteten Ablaufplan für alle organisatorischen und technischen Schritte. Den Auftakt hierbei bildet die Besiedelungsplanung für das Zielrechenzentrum. Sie legt fest, in welcher Höheneinheit ein jedes Rack – also ein standardisiertes Gestell zur Aufnahme und Organisation von Servern, Netzwerkgeräten und weiterer IT-Hardware – einmal stehen soll. Aspekte wie Stromversorgung, Klimatisierung, Redundanz und Zugänglichkeit stehen dabei im Mittelpunkt, damit die Infrastruktur stabil, wartungsfreundlich und leicht zugänglich bleibt. Parallel dazu wird die zukünftige strukturierte Leitungsverkabelung geplant. Damit lassen sich spätere Platz- und Kapazitätsengpässe vermeiden und sich das Risiko von Fehlverkabelungen minimieren. Anschließend bündelt eine sogenannte Wellenplanung die Systeme und Services zu logisch zusammenhängenden Migrationspaketen. Die Wellen orientieren sich an technischen Gegebenheiten sowie betrieblichen Prioritäten und verfügbaren Ressourcen vor Ort. So entsteht ein abgestimmter Zeit- und Ablaufplan, der genau festlegt, welche Komponenten zu welchem Zeitpunkt und in welcher Reihenfolge in das Zielrechenzentrum umziehen.

Bauliche Maßnahmen und Umzugsreife herstellen

Im Rahmen der baulichen Maßnahmen rückt jetzt der Zielstandort, auch Colocation-Fläche genannt, in den Fokus. Experten prüfen hier die räumlichen Gegebenheiten und technischen Voraussetzungen für die unterzubringenden IT-Systeme. Im Zentrum der Bewertung stehen insbesondere die vorhandenen Kühlkonzepte und deren Leistungsfähigkeit, die Struktur und Trennung von Sicherheitszonen, die geplanten oder bestehenden Zutritts- und Berechtigungskonzepte sowie mögliche standortbedingte Auflagen. Allerdings beschränkt sich die Begehung nicht nur auf einen einzelnen Termin. Während des gesamten Um- und Ausbaus der zukünftigen Fläche finden regelmäßige, zyklische Begehungen statt. Sie dienen dazu, den Fortschritt der baulichen Maßnahmen kontinuierlich zu überwachen und den tatsächlichen Projektverlauf fortlaufend mit dem zuvor festgelegten Bau- und Zeitplan abzugleichen. Abweichungen oder potenzielle Risiken können so frühzeitig erkannt und entsprechende Gegenmaßnahmen eingeleitet werden.

Der eigentliche Umzug

Während der Migrationsphase verlagern die Umzug-Teams die IT-Systeme entsprechend der zuvor abgestimmten Wellenplanung an den neuen Standort. Vor dem Start jeder einzelnen Migrationswelle werden die vorgesehenen Arbeitsschritte dazu nochmals sorgfältig geprüft, bei Bedarf weiter verfeinert und vollständig dokumentiert. Parallel dazu planen und steuern die Experten vor Ort sämtliche organisatorische und logistische Aufgaben. Sie legen Termine fest, organisieren Transport und Handling der Hardware und stellen sicher, dass alle technischen Hilfsmittel sowie genügend Fachpersonal bereitstehen. Beim eigentlichen Umzug orientieren sich die Teams strikt an definierten Prozessen und verbindlichen Checklisten.
Um Ausfallzeiten und Beeinträchtigungen für Kunden auf ein Minimum zu reduzieren, finden besonders kritische Umzüge gezielt in Nacht- oder Wochenendfenstern statt. Auch Software- und Datenmigrationen erfolgen außerhalb der regulären Hauptnutzungszeiten, um den laufenden Betrieb bestmöglich zu schützen.

Projektabschluss durch erfolgreiche Abnahme aller Komponenten

In der Abnahmephase werden die Colocation-Flächen, die gebäudetechnischen Anlagen sowie die migrierten IT-Systeme dahingehend überprüft, wie vollständig und funktionsfähig diese sind. Die Abnahme erfolgt gemeinsam mit dem Auftraggeber und – falls erforderlich – den weiteren beteiligten Auftragnehmern. Der Ablauf umfasst dabei eine Vorbegehung zur Identifikation möglicher Abweichungen, gefolgt von der finalen Abnahme aller relevanten Leistungen. Festgestellte Mängel oder noch ausstehende Restleistungen werden dokumentiert und müssen durch den jeweiligen Verursacher innerhalb einer festgelegten Frist behoben werden. Alle Abweichungen werden so lange nachverfolgt und nachbearbeitet, bis die vereinbarten Qualitäts- und Verfügbarkeitsstandards vollständig erfüllt sind. Mit der erfolgreichen Abnahme sämtlicher Komponenten gilt das Projekt offiziell als abgeschlossen. Das beinhaltet die Übergabe an den operativen Betrieb, die Bereitstellung der vollständigen Projektdokumentation sowie eine abschließende Bewertung des Projektverlaufs.
Ein Rechenzentrumsumzug ist damit weit mehr als ein reines Logistikvorhaben und verlangt Präzision, Erfahrung und ein strukturiertes Zusammenspiel aller Beteiligten. Nur so lässt sich gewährleisten, dass die IT-Infrastruktur am neuen Standort zuverlässig, sicher und ohne Unterbrechungen weiterläuft.

Zum Autor: Dirk Heuzeroth

Dirk Heuzeroth ist Rechenzentrum-Experte mit langjähriger Erfahrung in Beratung, Planung und Management komplexer Datacenter-Infrastrukturen. Seit 2022 ist er als Berater für das Datacenter-Umfeld bei der Drees & Sommer SE tätig. In dieser Rolle unterstützt er Kunden bei der strategischen und technischen Entwicklung moderner Rechenzentrumsprojekte, einschließlich Planung, Effizienzoptimierung, Umzügen und Zukunftssicherheit ihrer digitalen Infrastruktur. Zuvor leitete er den Bereich Data Center beim Ingenieurbüro Pfeifer (p-engineers). Von 2015 bis 2018 baute er seine Expertise als Senior Consultant bei der DATA CENTER GROUP weiter aus, bevor er von 2018 bis 2020 Geschäftsführer der DCI Data Center Intelligence GmbH war.