Bleibt alles anders – Wie KI den Wert des Handwerks neu bestimmt
Das Automatisierungsrisiko ist vom Fließband an den Schreibtisch gewandert.
Kaum aus dem Sommerurlaub zurück, zog sich die Bundesregierung Ende August nach Neuhardenberg zurück. In einem Land, das mehr Reformklausuren als Reformen produziert, wirkt das wie ein Ritual. Auf der Agenda standen, wie zu erwarten, Wettbewerbsfähigkeit, industrielle KI, Drohnenabwehr und der Schutz kritischer Infrastruktur. Und, auf den ersten Blick etwas überraschend, auch das Handwerk. Doch tatsächlich passte es ziemlich genau zum Leitmotiv der Klausur. Deutschland sucht nach neuen Antworten auf die Frage, wie Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum künftig gesichert werden können. Das Handwerk gehört dabei wieder zum Kern der Antwort.
Handwerkspräsident Dittrich brachte auch eine gute Nachricht mit. Im ersten Halbjahr 2026 wurden knapp 67.800 neue Ausbildungsverträge im Handwerk abgeschlossen. Das waren 4,9 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum und der höchste Juni Wert seit 2018. Besonders erfreulich ist, dass auch in vielen technischen und baunahen Berufen Bewerberzahlen, angebotene Ausbildungsplätze und neue Verträge wieder steigen.
Das Handwerk erlebt noch keine konjunkturelle Renaissance. Die Stimmung in vielen Betrieben ist schwach. Es erlebt aber eine Renaissance als Berufswahl. Ein Grund könnte sehr rational sein. Die Internationale Arbeitsorganisation sieht Büroarbeit und Verwaltungstätigkeiten weiterhin als die am stärksten durch generative KI exponierte Berufsgruppe. Texte, Auswertungen, Angebote, Dokumentationen und standardisierte Planungen lassen sich bereits teilweise automatisieren.
Das Automatisierungsrisiko ist vom Fließband an den Schreibtisch gewandert.
Das bedeutet keinen Untergang der Wissensarbeit. KI wird viele Berufe produktiver machen und Tätigkeiten verändern. Sie kann aber kein undichtes Dach reparieren, keinen Sicherungskasten erneuern und keine Wärmepumpe in einen Altbau einpassen. Im Handwerk erleichtert sie Kalkulation, Einsatzplanung, Dokumentation und Kundenkommunikation. Die physische und situative Arbeit vor Ort bleibt.
Dadurch wird Handwerkskapazität zu einer strategischen Ressource. Sie ist kein Rohstoff, verhält sich ökonomisch aber zunehmend wie einer. Nach einer aktuellen Studie des Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung am Institut der deutschen Wirtschaft konnten 2025 knapp 100.000 offene Stellen in Handwerksberufen rechnerisch nicht besetzt werden. 59 von 115 untersuchten Handwerksberufen waren Engpassberufe, in 35 davon besteht der Mangel bereits seit mindestens zehn Jahren. Besonders betroffen sind ausgerechnet die für Bau, Energiewende und Infrastruktur entscheidenden Gewerke. In Bauelektrik, Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik sowie Dachdeckerei steigen zwar Bewerberzahlen, Ausbildungsangebot und neue Ausbildungsverträge, der Fachkräftemangel bleibt aber bestehen.
Wie knapp diese Ressource inzwischen ist, zeigt eine andere Zahl noch deutlicher. Eine offene Stelle in einem Handwerksberuf blieb 2025 im Durchschnitt 242 Tage unbesetzt, gegenüber 167 Tagen über alle Berufe. Knapp die Hälfte aller Engpassberufe auf Fachkraftebene entfällt inzwischen auf das Handwerk. Handwerkskapazität kann weder gelagert noch kurzfristig auf dem Weltmarkt bestellt werden. Wer sie erst sucht, wenn alle sie brauchen, kommt zu spät. Für die Immobilienwirtschaft gehört gesicherte Handwerkskapazität damit künftig in dieselbe strategische Kategorie wie Bauland, Kapital, Energie und Material.
Wir haben möglicherweise mehr Menschen ausgebildet, die Sanierungskonzepte schreiben, als Menschen, die sie umsetzen können.
Große Bestandshalter haben die Konsequenz längst gezogen. Vonovia beschäftigt in seinem Technischen Service mehrere Tausend Menschen und bildet den Nachwuchs inzwischen in einer eigenen Handwerksakademie aus. Die LEG hat gemeinsam mit B&O TechnikServicePlus aufgebaut, faktisch einen eigenen großen Handwerksbetrieb. Rund 500 Beschäftigte, darunter fast 350 Monteure, erledigen jährlich etwa 250.000 Einsätze für die LEG-Bestände. Und B&O selbst betreut mit mehr als 1.000 eigenen Handwerkern rund 640.000 Wohnungen. Was früher möglichst weit ausgelagert wurde, wird plötzlich zur strategisch gesicherten Kapazität.
Parallel konsolidieren Gruppen wie HPM, HWP und HomeServe weitgehend unbemerkt den fragmentierten Handwerksmarkt. HPM umfasst inzwischen 166 Betriebe mit mehr als 4.700 Beschäftigten. Dahinter steckt mehr als die Lösung eines Nachfolgeproblems. Wiederkehrende Nachfrage, regionale Marktpositionen und ein digitalisierbares Backoffice schaffen Skaleneffekte und machen ein traditionell kleinteiliges Geschäft plötzlich für große Investoren adressierbar. Brookfield hat diese Logik früh erkannt. 2021 stieg der Infrastrukturinvestor mit einer kontrollierenden Beteiligung bei Thermondo ein, Anfang 2023 folgte die rund 4,1 Milliarden Pfund schwere Übernahme von HomeServe. Das ist keine klassische Venture-Capital-Geschichte, sondern eine Plattform- und Konsolidierungsstrategie für knappe handwerkliche Leistung. Vielleicht suchen Investoren ihre nächste Technologiewette zu häufig bei Softwareunternehmen. Sie könnte genauso gut auf Elektriker, Heizungsbauer und Dachdecker setzen.
Das wachsende Interesse junger Menschen, der enorme Bedarf der Branche und die strategische Bedeutung des Handwerks verlangen nach einer Bildungspolitik, die akademische und berufliche Bildung endlich als durchlässiges System organisiert. Seit ich selbst an einer Hochschule lehre, beschäftigt mich diese Trennung zunehmend. Wir halten daran fest, obwohl der Arbeitsmarkt längst andere Signale sendet. Der Meister mit anschließendem Studium muss ebenso selbstverständlich werden wie der Studienabbrecher, dessen bereits erworbene Kompetenzen in einer Ausbildung anerkannt werden.
Gerade das Handwerk zeigt zudem, welches Integrationspotenzial in beruflicher Bildung steckt. Ende 2025 waren dort 56.286 ausländische Auszubildende beschäftigt, 18,7 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Von den jungen Menschen aus den acht Hauptasylherkunftsländern, die eine duale Ausbildung beginnen, entscheidet sich etwa jeder Zweite für das Handwerk. Hochschulen, Berufsschulen und Bildungszentren sollten deshalb gemeinsame, anrechenbare Lernwege entwickeln. Die alte Statusgrenze zwischen Hörsaal und Werkbank passt nicht mehr zu einer Arbeitswelt, in der praktische Kompetenz zunehmend zum knappen Gut wird. Die KI-Revolution macht das Handwerk nicht überflüssig. Sie legt im Gegenteil offen, wie abhängig eine digitale Wirtschaft von analogem Können bleibt. Für die Immobilienwirtschaft wird daraus eine strategische Aufgabe. Handwerkskapazität muss ausgebildet, gebunden und gesichert werden, bevor sie gebraucht wird. Wer damit erst beginnt, wenn der Sanierungsdruck steigt, kommt zu spät. Deutschlands knappste Ressourcen sind weder Kapital noch Technologie. Es sind die Menschen, die daraus unsere gebaute Welt gestalten.
