Vertikal anders – Leichtbau-Aufzüge für den Gebäudebestand
Was die neue Aufzugslösung des Berliner Startups HOOGEN ganz grundsätzlich unterscheidet? Sie kommt ohne Schacht aus und ist auf die spezifischen Bedürfnisse im Bestand ausgelegt. Das hat auch die Investitionsbank Berlin (IBB) überzeugt, die das Projekt finanziell fördert. Ein erster Prototyp in Berlin Schöneberg zeigt, dass nachträglich angebaute Aufzüge angenehm schlicht und zugleich solide sein können. Dort bewegt sich die Personenkabine entlang einer Leichtbau-Konstruktion mit zwei Säulen. Das modulare System ist in nur wenigen Wochen installiert worden – ganz ohne Kran oder Gerüst.
Die innovative Aufzugstechnik hält sich bewusst mit Eingriffen in die Bausubstanz zurück. Gebäude und ihr Erscheinungsbild sollen geschont und die Lichtsituation in den Innenräumen weitgehend erhalten bleiben. Bodentief verglaste Zugangstüren sorgen vielmehr für Lichtgewinn und sind überdies wärme- und schallisoliert. Betrieben wird die Anlage von einer Servohydraulik. Sie liegt in einem kleinen Maschinenraum unter ihr und kann bei Stromausfall auf eine Backup-Batterie zurückgreifen.
Demografie und Modernisierungsbedarf erzeugen Handlungsdruck
Das Produkt trifft den Nerv unserer Zeit, denn der demografische Wandel erzwingt die Nachrüstung von Wohngebäuden mit Aufzügen. In Deutschland stehen 3,5 Mio. mehrgeschossigen Wohngebäuden nur rund 800.000 Aufzüge gegenüber. Viele dieser Anlagen statten öffentlich oder gewerblich genutzte Gebäude aus. Der Bedarf im Wohngebäudebestand ist also immens. Hinzu kommt, dass der „Bauturbo“ der Bundesregierung urbane Nachverdichtungsmaßnahmen, wie die Aufstockung von Gebäuden mit Dachgeschossen fördern will. Das wird die Nachfrage weiter steigern.
Der Handlungsdruck ist enorm. Während Aufzüge im mehrstöckigen Neubau ab vier Etagen Pflicht sind, hinkt die Nachrüstung in Bestandsgebäuden weit hinterher. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die gängigen Aufzugsmodelle oft auf vehementen Widerstand treffen. Zu materialaufwändig, zu wartungsintensiv und zu kostspielig sind einige der Argumente. Vor allem der Anbau eines Aufzugsschachts wird als ästhetische Zumutung wahrgenommen, die der Architektur übermäßig zusetzt. Deshalb scheitern Anbauvorhaben regelmäßig am Veto von Bewohnerinnen, Bewohnern und der Nachbarschaft. Oder sie werden von Instanzen wie Denkmal- und Erhaltungsschutzbehörden abgeblockt. Dabei profitiert nicht nur die jeweilige Gebäudeinfrastruktur langfristig von Aufzügen, sondern die Gesellschaft universell von mehr Mobilität. Erst durch sie wird Teilhabe über Etagen hinweg möglich.
Der riesigen Nachfrage eine Alternative anbieten
„Wir brauchen Aufzüge, um den vorhandenen Wohnraum zeitgemäß auf die immer älter werdende Gesellschaft einzustellen. Die Etagen müssen für möglichst viele Menschen zugänglich sein und es vor allem lange bleiben,“ sagt Dipl.-Ing. Jürgen Holzhäuser, Geschäftsführer der HOOGEN Experience GmbH und Inhaber des Ursprungspatents. „Deshalb wollen wir der riesigen Nachfrage eine Alternative anbieten, auf die sich sämtliche Seiten bei der Nachrüstung von Gebäuden leichter einigen können. Es ist doch so, dass nicht nur körperlich eingeschränkte Menschen sich freuen, wenn ein Aufzug zur Verfügung steht, sondern alle, die mit schweren Einkäufen beladen oder mit müden Kindern im Arm nach oben müssen. Also haben wir das Konzept Aufzug neu gedacht.“
Seit Elisha Otis, Namensgeber des Weltmarktführers OTIS, sein Aufzugskonzept Mitte des 19. Jahrhunderts vorgestellt hat, ist die Innovationsdynamik im Bereich der Personenaufzüge überschaubar geblieben. Angesichts dessen, dass ein Schacht dazu gedacht ist, funktionale Abläufe diskret in einen abgegrenzten Hohlraum zu integrieren, wurde dessen Sinn als externer Anbau hinterfragt und zum zielführenden Ansatz für die Innovation. Das Modell ohne Schacht konzentriert sich auf seine Funktion, ist optisch zurückhaltend, weniger materialaufwändig und entsprechend weniger kostspielig. Dass Teile des modularen Systems schnell und unkompliziert ausgetauscht werden können, hat sich bereits am Prototypen gezeigt. Dies kommt niedrigen Wartungskosten ebenso zugute wie der energieeffiziente, servohydraulische Antrieb.
Lösung vertritt übersehene Interessen
Der neue Aufzug wendet sich mit seinen Eigenschaften dem vernachlässigten Markt im Bereich der Bestandsimmobilien zu. Vorhaben sollen mit ihm genehmigungsfähiger und leichter umsetzbar werden. Tatsächlich haben die oberste Denkmalschutzbehörde und das Stadtentwicklungsamt, das in Berlin für den Milieuschutz zuständig ist, zu einer Vorstellung des Aufzugs in ihre Dienststellen eingeladen. Nach einer Besichtigung des Prototyps haben zudem schon erste Wohnungsbaugesellschaften und -genossenschaften, Architekten, Eigentümergemeinschaften und Hausverwaltungen Interesse an einer Zusammenarbeit angekündigt.
Um mit dem Aufzugssystem den erfolgreichen Schritt in die industrielle Produktion zu nehmen, ist die HOOGEN Experience GmbH aktuell noch offen für strategische Partnerschaften oder Investoren. Denn bei allem Hype um schnelles Business mit KI und Software, braucht die PropTech-Branche (Gebäudetechnik) gerade im Bereich modularer Hardware visionäre Entwicklungen, die systemisch relevante Innovationen mit langlebigem Wert anzubieten haben.
