Volks- und Raiffeisenbanken warnen: Nachhaltigkeitsregulierung bremst Kreditvergabe an Unternehmen
Mit einem Plus von voraussichtlich etwa 4 % haben die 264 Volks- und Raiffeisenbanken im Genoverband e.V. 2025 ihre Finanzierungen für mittelständische Unternehmen trotz stagnierender Konjunktur spürbar ausgeweitet.* Allerdings erweist sich nach Einschätzung des Verbandes die schnell wachsende Nachhaltigkeitsregulierung zunehmend als Bremse für die Kreditvergabe: Nach einer im dritten Quartal durchgeführten Umfrage unter den Bankvorständen** sind diese überwiegend skeptisch, wenn es um die Verfügbarkeit von Nachhaltigkeitsdaten ihrer Firmenkunden geht. Solche Daten werden von den Banken jedoch angesichts der 2026 anstehenden Novellierung des Kreditwesengesetzes (KWG) zur Berücksichtigung von Nachhaltigkeits-Risiken im Risikomanagement verstärkt benötigt.
„Die Institute müssen im Kreditgeschäft bereits jetzt Nachhaltigkeitsrisiken berücksichtigen. Dies kann dazu führen, dass Unternehmen, die keine entsprechende Berichterstattung vornehmen oder solche Daten nicht erheben, eventuell schlechtere Konditionen oder gar eine Kreditabsage erhalten, obwohl sie vielleicht gar nicht so `unnachhaltig´ sind“, erläutert Michael Hoeck, Vorstandsvorsitzender des Genoverbandes. Während die jüngste Einigung im EU-Omnibus-Verfahren den Bürokratieabbau bei der Nachhaltigkeitsberichterstattung und Sorgfaltspflichten fördern soll, steht in Deutschland das Bankenrichtlinienumsetzungs- und Bürokratieentlastunggesetz (BRUBEG) kurz vor der Verabschiedung. Dieses Gesetz führt trotz des Namens zu neuen Vorgaben beim Management von ESG-Risiken (Umwelt-, Sozial- und Governance-Risiken). Institute müssen künftig einen Plan für Nachhaltigkeitsrisiken (ESG-Risikoplan) erstellen, in dem sie Ziele und Verfahren für den Umgang mit ESG-Risiken festlegen. Es ist zu erwarten, dass sich dies auch auf Kreditvergabestandards auswirken wird. „Somit steigt der Aufwand der Banken und die Komplexität bei der Kreditvergabe verbleibt auf hohem Niveau“, erläutert Hoeck. „Für die Genossenschaftsbanken liegt Nachhaltigkeit eigentlich in der DNA. Problematisch wird es, wenn das Thema auf eine hohe Anzahl komplexer Datenpunkte reduziert und als regulatorische Last auf Banken gelegt wird. Im Ergebnis führt das für die mittelständisch geprägte Wirtschaft in Deutschland im internationalen Vergleich zu einem Wettbewerbsnachteil – und das, obwohl keine höheren Nachhaltigkeitsrisiken gegenüber großen Unternehmen anderer Länder bestehen.“

Umfrage: Banken halten knapp die Hälfte ihrer Firmenkunden bei Verfügbarkeit von Nachhaltigkeitsdaten für überfordert
In der Befragung haben die Vorstände der Volks- und Raiffeisenbanken im Genoverband ihre Firmenkunden hinsichtlich der Verfügbarkeit von Nachhaltigkeitsdaten in vier Gruppen eingeteilt: Vorreiter, Pragmatiker, Starter und Überforderte.
Dabei zeigt sich deutlich: Der größte Anteil von 46 % der Firmenkunden gehört zu den Überforderten. Das bedeutet, sie kommen mit den Anforderungen nur schwer zurecht oder haben sich bislang nicht ausreichend damit beschäftigt. 28 % zählen laut Vorständen zu den Startern. Sie stehen am Anfang und haben bereits einige Anforderungen identifiziert, die jedoch noch nicht gelöst sind. 21 % wurden den Pragmatikern zugeordnet. Diese sind auf einem guten Weg, die Anforderungen zu erfüllen. Nur 5 % gelten als Vorreiter – sie sind optimal vorbereitet, wenn es um die Verfügbarkeit von Nachhaltigkeitsdaten geht.

Großunternehmen verfügen über ganze Teams, die auf nachhaltige Transformation spezialisiert sind“, ordnet der Vorstandsvorsitzende des Genoverbandes diese Ergebnisse ein. „Im Mittelstand sind dafür die Ressourcen stark begrenzt. Oft beschäftigen sich nur wenige Personen ohne hohes spezifisches Knowhow oder sogar nur die Inhaber selbst mit dieser sehr komplexen Materie. Die Regulierung zur Nachhaltigkeit geht insofern von unrealistischen Voraussetzungen aus, nicht nur bei der Datenverfügbarkeit. Aktuell scheint es auch so, dass sie sich umgekehrt proportional zur Akzeptanz am Markt entwickelt.“
„Administrativer Aufwand macht nachhaltige Transformation kaputt“
Das spiegeln weitere Resultate der Umfrage wider: Wie schon in 2024 investieren Firmenkunden nach Einschätzung der Bankvorstände auch 2025 primär in Digitalisierung und Rationalisierung (je knapp 60 % der Bankvorstände geben an, dass ihre Firmenkunden in diese Bereiche investieren). Während sich zugleich Investitionen in KI auf 15 % fast verdoppeln, halbieren sie sich bei Nachhaltigkeit im Vergleich zum Vorjahr beinahe auf nur noch 21 %. Passend dazu vertreten fast zwei Drittel der Bankvorstände die Auffassung, dass in den letzten drei Jahren vor allem die Rendite als Kriterium für Anlegerinnen und Anleger an Bedeutung gewonnen hat: 23 % sehen hier einen sehr starken, weitere 40 % einen starken Anstieg – 32 % beobachten keine Veränderung. Eher auf der Verliererseite stehen hingegen ESG-Kriterien, bei denen zwar knapp die Hälfte der Vorstände keine Veränderung konstatiert. Jedoch sieht ein Drittel einen geringen (20 %) oder starken (13 %) Rückgang bei der Bedeutung für Anlegerinnen und Anleger – gegenüber nur 2 % Nennungen für einen starken bzw. 16 % für einen geringen Anstieg. „Unternehmenspolitisches Ziel der Volks- und Raiffeisenbanken ist es, die nachhaltige Transformation der Firmen- und Privatkunden zu begleiten und daraus entstehende Geschäftschancen zu nutzen. Mit mittelständischen Unternehmen sprechen sie als regionale Partner darüber, wie sie ihr Unternehmen nachhaltig gut aufstellen können für Gegenwart und Zukunft. Der administrative Aufwand steht aber oft in keinem Verhältnis. Damit wird das Thema kaputtgemacht“, kritisiert Michael Hoeck. „Als Verband haben wir die Aufgabe, klar zu artikulieren, dass Regulatorik nicht das Ziel zerstören darf. Bei der Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsrisiken in der Banksteuerung muss es für die Kreditvergabe an kleine und mittelständische Unternehmen Erleichterungen geben. Dies sollte Teil eines grundlegenden Kurswechsels in der Nachhaltigkeitsregulierung sein.“

* Laut vierteljährlich erscheinenden Kreditnehmerstatistik per Ende September +3,6 % auf 198,2 Mrd. Euro
**Die verwendeten Daten beruhen auf einer repräsentativen Online-Umfrage des Genoverband e.V. unter Bankvorständen. Von den 277 Volksbanken und Raiffeisenbanken im Verbandsgebiet haben sich zwischen dem 1. und dem 22. August 2025 71 % an der Umfrage beteiligt.
