18.10.2017

Zukunftsformel Immobilienwirtschaft - The Challenge

18.10.2017Konii GmbH

Zukunftsformel Immobilienwirtschaft - The Challenge

Auftakt-Interview mit Dr. Andreas Mattner

Konii:

Herr Dr. Mattner, als Sie in der Immobilienbranche angefangen haben, wurden Zeitungen noch im Bleisatz gesetzt. Mittlerweile können die Headlines noch während des Drucks verändert werden. Digitalisierung ist hier das Schlüsselwort. Welchen Einfluss hat die Digitalisierung auf unsere Branche? Konkret, welche Berufsfelder werden in der Immobilienwirtschaft verschwinden oder welche kommen neu hinzu?

Dr. Andreas Mattner:

Das ist die große Frage. Ich glaube nicht an eine vollständige Verdrängung. Ich glaube, dass viele umdenken und umlernen müssen. Das Maklergeschäft ist ein Thema, bei dem man diese Verdrängung durch digitale Plattformen bereits erlebt hat. Architekten und Baumanager beginnen jetzt, mit BIM anders zu arbeiten. Und Architektenprogramme gehen ja noch weiter. Sie sind technisch in der Lage selbst kreativ zu werden und Produkte und Designs zu entwickeln. Künstliche Intelligenz ist hier nicht schematisch. Das bringt nochmal ganz neue Herausforderungen. Ich glaube also an einen Wandel in Berufsbildern, aber nicht an eine, wie sagt man so schön, vollständige Disruption. Der Mensch dahinter wird sicher immer gebraucht werden.

Konii:

In welchem Bereich der aufstrebenden PropTechs sehen Sie aktuell das größte Potential? Vielleicht auch das nächste Einhorn.

Dr. Andreas Mattner:

Ja, das berühmte Einhorn. Wir hatten, nehmen wir mal ein Beispiel aus unserer Branche, mit Immobilienscout ein Startup mit einer guten Idee. Herangewachsen und heute etablierter Player in der Immobilienwirtschaft. Ich glaube, dass es in dem Zusammenhang wichtig ist, dass wir als Grownups auf Augenhöhe mit den PropTechs sprechen müssen, dass die etablierten Immobilienunternehmen sie als Partner sehen und akzeptieren und dann mit ihnen umgehen. Auf den ersten Blick sehe ich die größten und umfänglichsten Anwendungsgebiete, neben den beiden schon erwähnten, im Bereich Facility- und Property Management. Die Immobilienwirtschaft wird immer intelligenter und leistungsfähiger. Man beobachtet auch schon mehrere PropTechs und Dienstleister, die daran arbeiten, dass Gebäudetechnik auf künstlicher Intelligenz basiert. Das wird große Umbrüche bringen.

Konii:

Welche Herausforderungen ergeben sich durch die Digitalisierung für unsere Branche?

Dr. Andreas Mattner:

Herausforderungen in dem Zusammenhang gibt es ganz viele. Ich versuche diese auf drei Säulen zu stellen, die mich besonders berühren.

Die erste Säule ist das „Timing“, konkret in Anlehnung an die Industrie. Hier gibt es schon lange 3D-Technologie, aber der Durchbruch im Konsumbereich ist nicht passiert. Erst jetzt und das zeigt, dass eine gute Idee oder eine gute Technik nicht immer gleich ihren Durchbruch hat. Nicht immer ist alles gewünscht, was möglich ist. Das ist auch ein Punkt, den wir in der Immobilienwirtschaft sehen müssen. Wann ist die richtige Technik passend für die richtige Umsetzung und für die Massenbewegung, die wir da reinsetzen müssen?

An zweiter Stelle kommt relativ schnell der Nachwuchs. Wir gelten als Immobilienbranche nicht überall als sexy im Vergleich zu anderen Branchen. Wir konkurrieren mit anderen Wirtschaftszweigen. Wir bemühen uns natürlich, das abzubauen und begleiten auch als ZIA eine Menge von Kampagnen, um die unterschiedlichen Berufsfelder unserer Branche attraktiv zu machen. Und spricht man dann in einer Branche, die in Sachen sexy sein nicht ganz vorne ist, noch über Digitalisierung und versucht Digitalisierungsspezialisten für uns zu begeistern, ist dies die zweite Säule der Herausforderungen: Wir müssen Young Professionals von uns überzeugen.

Dann ist da noch das große Problem, die richtige Strategie im Unternehmen zu finden. Wir sind nicht in der Industrie, wo Innovationspezialisten hintereinander technische Dinge aufzäumen, die zur Innovation werden können. Die Immobilienwirtschaft ist da ein bisschen komplizierter. Wir brauchen länger für eine richtige Digitalisierungsstrategie und deren Umsetzung. Ich glaube, das sind die drei größten Herausforderungen, die uns bewegen.

Konii:

Was tun sie beim ZIA, um Ängste gegenüber der Digitalisierung abzubauen und Aufklärungsarbeit bei der Zusammenarbeit mit PropTechs zu leisten?

Dr. Andreas Mattner:

Ich möchte meine Antwort in zwei Teile gliedern. Wie sind wir dahingekommen, und was tun wir?

Ich glaube, uns wurde in den letzten Jahren ganz gut der Kopf in Sachen Digitalisierung gewaschen. Vor allem 2014, als Günther Oettinger EU-Kommissar für Digitalwirtschaft wurde und er in seiner bewährten Manier die Themen aus einer wirklich guten Perspektive anpackte. Er brach die Themen auf einzelne Wirtschaftsbranchen herunter und hielt uns dann den Spiegel vor. Seine ersten Reden werde ich nicht vergessen, die haben sich in unseren Ideen zur Digitalisierung der Immobilienwirtschaft weiter fortgezogen.

Wie sagte Günther Oettinger? Freunde, ihr müsst aufpassen. Die größten Unternehmen der Welt sind schon längst alle auf der Fähre. Dann nannte er die ganz großen Namen, die mit Internet und Digitalisierung zu tun haben. Auch aus Deutschland eines, das hier weit vorne mitschwimmt. Er gab uns zu verstehen, dass Branchen und ganze Länder schnell den Anschluss verlieren, und man dann sehen muss wo man bleibt.

Schaut man sich heute in Europa um, ist Deutschland in Sachen Digitalisierung nicht gerade vorne. Es gibt nordische Länder, die uns hier viel voraushaben.

Wie unsere Politik und Gesellschaft strukturiert sind, erleben wir in diesen Tagen an der Diesel-Diskussion mit den deutschen Autobauern. Google baut jetzt auch schon Autos. Da kann man sich schnell ein kleines Horrorgemälde ausmalen, wenn man diesen Gedanken auf unsere Branche transferiert. Das heißt, wir müssen etwas tun.

Das haben wir erkannt, womit ich beim zweiten Teil meiner Antwort bin. Was tun wir?

Seit einigen Jahren sehen wir Digitalisierung und Innovation als Oberpunkt. Mit der Innovationsschmiede geben wir dem Tag der Immobilienwirtschaft mittlerweile ein zweiteiliges Programm. Digitalisierung ist ein fester Tagespunkt sogar auf unserer Hauptveranstaltung geworden. Daneben veranstalten wir dieses Jahr schon zum zweiten Mal den Innovationskongress. Dass Digitalisierung auch hier eine große Rolle spielt, liegt auf der Hand.

Wir müssen das Thema institutionalisieren, mit Fachverstand von außen, aber auch mit dem eigenen Sachverstand. Unser Innovation Think Tank unter der Leitung unseres Innovationsbeauftragten im Verband, Martin Rodeck, entwickelt konstant neue Maßnahmen, um das Thema voranzutreiben. Etwa unser Innovation Lab, in dem wir die Innovationsbeauftragten unserer Mitglieder schulen. Oder den Innovationsbericht, in dem wir Best Practice-Beispiele aus der gesamten Branche zusammentragen. So schaffen wir es nicht nur, Unternehmen für dieses Thema zu sensibilisieren, sondern auch Inspiration und gute Ideen an die Hand zu geben.

Das reicht uns aber noch nicht. Wir sind dann auf die Idee einer sogenannten Systempartnerschaft mit SAP gekommen. Keine Selbstverständlichkeit, dass ein Weltkonzern wie SAP institutionalisiert mit einem Immobilienverband zusammenarbeitet und einen Digitalisierungsausschuss gründet, welcher zum ersten Mal Ende Oktober diesen Jahres tagen wird. Hochkarätige Manager aus unserer Branche werden sich hier ehrenamtlich zum Thema Digitalisierung austauschen können.

An der Spitze des Ausschusses Digitalisierung steht keine geringere als Dr. Tanja Rückert, President Business Unit IoT & Digital Supply Chain bei SAP, deren Thesen und Arbeitsweisen man beim vergangenen Tag der Immobilienwirtschaft bereits bewundern konnte. Komplettiert wird die Doppelspitze im Digitalisierungsausschuss durch Anette Kröger, eine relativ junge Vertreterin in unserer Branche und CEO der Allianz-Tochtergesellschaft Allianz Real Estate Germany GmbH. Auch wenn sie sicher keine Digitalisierungs- oder IT-Spezialistin ist, ist sie aber gleichwohl eine Immobilienspezialistin und fähig das Tandem mit Dr. Tanja Rückert im Digitalisierungsausschuss zu bilden.

Man wird hier Leitfäden entwickeln und auch politische Forderungen formulieren müssen, um technische Themen wie Datenschutz, E-Government und Breitbandausbau weiterzuentwickeln. Daneben gibt es auch Bereiche der inneren Sicherheit. Aktuelle Themen, die wir aber auch schon beackert haben, wie zum Beispiel Videoüberwachung in Shopping Malls mit intelligenter Gesichtserkennung. Ein digitales Thema und ein handfestes politisches Problem, da uns die Datenschutzbeauftragten seit Jahr und Tag die Kameraüberwachung verboten haben. Die tragischen Ereignisse in öffentlichen Gebäuden wie in München haben hier zu einem Umdenken geführt. Joachim Herrmann, bayrischer Staatsminister des Innern, für Bau und Verkehr hat sich hier an die Spitze gestellt. Die rechtlichen Grundlagen sind auch schon geändert worden.

Nicht zuletzt gibt es eine weitere Formalisierung, die man in dem Zusammenhang nennen muss. Wir haben eine gute Zusammenarbeit mit der German PropTech Initiative gegründet, um die Established Economy mit den Jungen Wilden zusammenzubringen.

Ich bin gespannt, wie sich das alles weiterentwickeln wird. Ich denke, es wird deutlich, dass wir die wichtigen Themen erkannt haben und viele Dinge tun, um die Digitalisierung in der Immobilienwirtschaft voranzutreiben.

Konii:

Welche Zukunftsformel, welche Tipps geben sie den Marktteilnehmern an die Hand, um sich mit der Digitalisierung anzufreunden?

Dr. Andreas Mattner:

Wir müssen das Thema ernst nehmen, analysieren und schauen, was im eigenen Unternehmen existiert und was verbessert werden muss. Wir müssen viel sprechen, mit den Jungen und mit etablierten Digitalisierern. Beim ZIA gut zuhören und an unseren Veranstaltungen teilnehmen ist sicher auch ein guter Punkt. Und, wenn es noch keinen gibt, sollten Unternehmen spätestens jetzt einen Innovations- bzw. Digitalisierungsbeauftragten etablieren und verantwortlich machen, als Querschnittsaufgabe. Und dann heißt es losmarschieren.

Konii:

Sehr geehrter Herr Dr. Mattner, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Heiko Danz von Konii.

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