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Selektiver Aufschwung prägt Europas Bauwirtschaft

Deutsche Bauindustrie wächst 2026 trotz schwacher Konjunktur um 2,1 Prozent, getrieben von Rechenzentren, Energie und Industrie.

24.06.2026

Europas Bauwirtschaft erholt sich 2026, doch das Wachstum wird von Versorgungsengpässen ausgebremst. Das zeigt der aktuelle Construction Market Insights Report der internationalen Bauberatung Linesight. In Deutschland wird das mit Blick auf den Rechenzentren-Boom sichtbar. Neben geopolitischen Krisen und volatilen Lieferketten begrenzen Engpässe bei Energie- und Netzanschlüssen den Aufschwung.

Trotz dieser Dämpfer sind die Aussichten für die deutsche Baubranche positiv. Während die Bundesregierung ihre Wachstumsprognose für 2026 auf 0,5 Prozent gesenkt hat, soll die Bauindustrie im selben Jahr um 2,1 Prozent wachsen. Von 2027 bis 2030 wird ein durchschnittliches jährliches Wachstum von 3,5 Prozent erwartet.

Damit landet Deutschland im europäischen Mittelfeld. In Spanien und Schweden wird beispielsweise ein Anstieg der Bauleistung um 4,6 Prozent beziehungsweise 4,3 Prozent für 2026 prognostiziert. In Frankreich wird die Bauwirtschaft voraussichtlich nur um 1,6 Prozent zulegen.

„Die europäische Bauwirtschaft zieht wieder an, aber das Wachstum ist ungleichmäßig verteilt. Ausschlaggebend ist nicht mehr allein die Nachfrage, sondern vielmehr die Frage, wo Projekte trotz Energieengpässen, Störungen in der Lieferkette und Fachkräftemangel tatsächlich umgesetzt werden können“, sagt Niall Greene, Senior Director, Europe, bei Linesight.

Rechenzentren und Halbleiter sind Wachstumstreiber

Diese Entwicklung lässt sich im Rechenzentrumsmarkt anschaulich nachvollziehen. In Deutschland soll die Colocation-Kapazität zwischen 2024 und 2031 um 16 Prozent wachsen. Damit verzeichnet Deutschland die stärkste Expansion unter den FLAP-D-Märkten. Europaweit lag die Colocation-Kapazität 2024 bei 7,6 GW und soll bis 2031 auf 23,8 GW steigen. Die Nachfrage im Hyperscale-Bereich steigt sogar noch schneller. Das Wachstum wird in Deutschland voraussichtlich 39 Prozent erreichen, doch die Umsetzung wird durch Engpässe bei der Stromversorgung, den Netzanschlüssen und den Baugenehmigungen beeinträchtigt.

Zudem steigen die Anforderungen an die Umsetzung. Das Energieeffizienzgesetz (EnEfG) stellt strenge Anforderungen an die Betreiber. Bestehende Rechenzentren sollen ihre Energieeffizienz kontinuierlich verbessern. Neue Rechenzentren, die ab Juli 2026 in Betrieb genommen werden, müssen von Anfang an strengere Anforderungen erfüllen, darunter auch Ziele zur Energierückgewinnung.

Im Halbleiterbereich bleibt Deutschland ein wichtiger europäischer Standort. Bis November 2025 zog das Land mehr als 15 Milliarden Euro an bestätigten und laufenden First-of-a-Kind-Projekten im Halbleiterbereich an. Darüber hinaus hat die Europäische Kommission kürzlich eine staatliche deutsche Beihilfe in Höhe von 288 Millionen Euro genehmigt, die in Projekte in der Halbleiter-Lieferkette fließen soll.

Der Life-Science-Sektor bleibt auf europäischer Ebene stabil: Die EU-Pharmaexporte stiegen 2025 um 16 Prozent. Für Deutschland ist das Bild differenzierter. Der Standort verfügt über starke pharmazeutische Fertigungsgrundlagen und ein etabliertes CDMO-Ökosystem, wird aber zugleich von Reformdebatten und Fragen zur langfristigen kommerziellen Planbarkeit geprägt.

Lieferketten und Materialkosten bleiben Risikofaktoren

Der Report zeigt, wie stark die internationalen Lieferketten 2026 in den Fokus von Projektplanern und Bauherren rücken sollten. Bei wichtigen Bauteilen mit langen Vorlaufzeiten haben sich die Lieferzeiten 2026 im Vergleich zum Jahr 2021 verdoppelt. Besonders angespannt bleibt die Lage bei elektrischem Equipment. Einige Generatoren erreichen in Europa und Amerika Lieferzeiten von mehr als 100 Wochen.

„Die Lieferkette ist heute mehr als ein Beschaffungsthema. Sie entscheidet über Zeitplan, Kosten und Standortfähigkeit großer Programme“, sagt Neil L. Doyle, Director, Procurement and Supply Chain Management bei Linesight. „Wer sich zu spät um kritische Ausrüstung kümmert, erhöht das Risiko für Verzögerungen und Kostensteigerungen erheblich.“

Für Linesight zeichnet sich eine strukturelle Verschiebung ab. Eine globale Befragung des Unternehmens aus dem zweiten Quartal 2026 zeigt, dass 69 Prozent der Lieferanten von Komponenten mit langen Vorlaufzeiten Versorgungsengpässe als das größte Risiko für fristgerechte Liefertermine nannten. Die Umfrage zeigt auch, dass rund 86 Prozent der Lieferanten ihre Kapazitäten voll ausschöpfen und mehr als 80 Prozent in neue oder erweiterte Produktionskapazitäten investieren, um der wachsenden Nachfrage gerecht zu werden. Ähnlich angespannt ist die Lage bei Rohstoffen und Baumaterialien.

Die Baukosten in Europa bleiben 2026 erhöht. Die Preise für Kupfer, Aluminium, Diesel und Zement steigen, während Stahlpreise teilweise nachgeben. Entscheidend für die Preisentwicklung ist vor allem die Angebotsseite: Geopolitische Unsicherheiten, Energiekosten, Handelsmaßnahmen und logistische Engpässe setzen die Märkte unter Druck.

„Europas Baumarkt bleibt aktiv und resilient”, sagt Greene. „Um 2026 Projekte erfolgreich und effizient umzusetzen, müssen Unternehmen wichtige Entscheidungen in den Bereichen Beschaffung, Energieversorgung und Risikoplanung frühzeitig treffen und die Lieferkette als zentralen Faktor für die Realisierung von Projekten betrachten.”

Construction Market Insights Report

Der Construction Market Insights Report beleuchtet zweimal jährlich die wichtigsten Trends in der europäischen Baubranche und vergleicht die Entwicklungen in 13 europäischen Schlüsselmärkten (Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Irland, Israel, Italien, Niederlande, Norwegen, Schweden, Spanien und Großbritannien).

Der Report basiert auf den aktuellsten, quartalsweise erhobenen Marktdaten. Linesight analysiert dafür Daten aus einer Vielzahl von verifizierten Quellen und arbeitet mit zahlreichen Stakeholdern entlang der gesamten Lieferkette zusammen. Zudem werden makroökonomische Indikatoren verschiedener Institutionen wie IMF, Eurostat und nationale Statistikämter für die Analyse herangezogen.

Die ausführlichen Ergebnisse können über den nachstehenden Link eingesehen werden: Construction Market Insights Report, Juni 2026.