Was Europa vom US-Immobilienmarkt lernen kann – und umgekehrt
Wie die Verbindung von amerikanischem Tempo und europäischer Governance Immobilieninvestitionen und Projektentwicklungen verbessern kann.
Von John Beresford Jones, Head of EMEA & USA bei PROBIS | PropTech-Spezialist und Gastdozent
Zwei Märkte, ähnliche Herausforderungen
Nach meinem Immobilienwirtschaftsstudium an der University of Reading arbeite ich seit 2010 an der Schnittstelle von Immobilienwirtschaft und Technologie. In dieser Zeit habe ich miterlebt, wie sich der Umgang unserer Branche mit der digitalen Transformation grundlegend gewandelt hat.
Heute bin ich sowohl in Europa als auch in den USA tätig. Dabei zeigt sich immer wieder: Investoren, Projektentwickler und Kreditgeber stehen auf beiden Seiten des Atlantiks vor erstaunlich ähnlichen Herausforderungen, verfolgen jedoch häufig unterschiedliche Lösungsansätze.
Steigende Baukosten, Finanzierungsdruck, fragmentierte Informationen und Fachkräftemangel betreffen beide Märkte. Der Bericht „Global Construction Market Intelligence 2026“ von Turner & Townsend untersucht 112 Märkte in 44 Ländern und stellt in mehr als 70 Prozent einen Arbeitskräftemangel fest. Eine McKinsey-Untersuchung vom Oktober 2026 zeigt, dass die Produktivität im Bauwesen seit 2000 nur um rund zehn Prozent gestiegen ist gegenüber 50 Prozent in der Gesamtwirtschaft.
Ein entscheidender Unterschied liegt meiner Erfahrung nach darin, wie Unternehmen Innovationen bewerten, Entscheidungen treffen und Veränderungen umsetzen. Beide Märkte können voneinander lernen.
USA: Mit dem konkreten Problem beginnen
Im amerikanischen Immobilienmarkt begegne ich häufig einem pragmatischen, wirtschaftlich orientierten Technologieverständnis:
Welches konkrete Problem lösen wir, und woran messen wir die Verbesserung?
Dabei kann es um die Prognose der Fertigstellungskosten, das Erkennen von Finanzierungsrisiken vor der nächsten Kreditauszahlung oder den Vergleich finanzieller Risiken verschiedener Projekte gehen. Überzeugt der wirtschaftliche Nutzen, sind Unternehmen oft bereit, eine Lösung zunächst im begrenzten Rahmen zu testen.
Doch Experimentierfreude allein liefert noch keine Ergebnisse. Für den „Global Real Estate Technology Survey 2025“ befragte JLL mehr als 1.500 Führungskräfte in 16 Märkten. Demnach hatten 88 Prozent der Investoren, Eigentümer und Vermieter sowie 92 Prozent der Unternehmen, die Immobilien selbst nutzen, erste AI-Pilotprojekte gestartet. Allerdings berichteten nur fünf Prozent der letztgenannten Gruppe, sämtliche Ziele ihres AI-Programms erreicht zu haben.
Europa: Auf verlässlichen Grundlagen aufbauen
Europäische institutionelle Investoren, Kreditgeber und große Unternehmen legen häufig besonderen Wert auf Daten-Governance, betriebliche Widerstandsfähigkeit und Systemintegration. Diese Anforderungen können die Einführung verlängern, spiegeln aber die Bedeutung verlässlicher Finanzinformationen wider.
Die Digitalisierungsstudie 2026 von ZIA und EY verdeutlicht diese Herausforderung. Unter den Befragten der deutschen Immobilienwirtschaft nannten 62 Prozent die Datenqualität als Digitalisierungshindernis. Mehr als 96 Prozent hielten AI in den kommenden fünf Jahren für relevant für ihre Geschäftsmodelle. Gleichzeitig hatten nur 14 Prozent Prognose- und Frühwarnsysteme umfassend umgesetzt.
Das Potenzial einer Technologie zu erkennen, bedeutet also noch nicht, sie wirksam nutzen zu können. Europas Governance-Fokus ist eine Stärke, sofern er bessere Entscheidungen ermöglicht und nicht zusätzliche Freigabeschleifen erzeugt.
Pilotprojekte müssen zu Entscheidungen führen
Ich bin überzeugt, dass Europa von der amerikanischen Bereitschaft lernen kann, neue Ansätze in der Praxis zu erproben.
Anstatt jede denkbare zukünftige Anforderung vorwegzunehmen, sollten Unternehmen ein klar begrenztes Pilotprojekt mit messbaren Erfolgskriterien, angemessenen Kontrollmechanismen und einem festen Entscheidungszeitpunkt definieren.
Bei der Baukostenprognose könnte dies bedeuten, Budgets, Ist-Kosten, vertragliche Verpflichtungen und Nachträge ausgewählter Projekte zu verknüpfen. Erfolg hieße dann: präzisere Prognosen, weniger manuelle Abstimmung, kürzere Berichtszyklen oder früher erkannte Kostenüberschreitungen.
Der Pilot muss mit echten Daten arbeiten und diejenigen einbinden, die auf Grundlage der Ergebnisse handeln.
McKinseys Untersuchung vom Oktober 2026 zu digital und AI-gestützten Investitionsprojekten zeigt, dass Informationen von Auftragnehmern dem tatsächlichen Projektstand um ein bis zwei Monate hinterherhinken können. Ein Wettbewerbsvorteil entsteht, wenn Unternehmen die Zeit zwischen dem Erkennen eines Risikos und einer fundierten Reaktion verkürzen.
Vernetzte Daten machen AI nützlich
In beiden Märkten beobachte ich, dass sich die Diskussion von einzelnen Softwareprodukten hin zu einer vernetzten Grundlage für finanzielle und operative Informationen bewegt.
Zu wissen, wie viel ein Projekt bereits ausgegeben hat, reicht nicht aus. Belastbare Fertigstellungskostenprognosen benötigen auch offene Verpflichtungen, erwartete Nachträge, noch nicht beauftragte Leistungen und verbleibende Risikoreserven. Ihre Verknüpfung ermöglicht eine fundierte Bewertung von Profitabilität, Finanzierungsbedarf und Rendite.
Einheitliche Definitionen erlauben zudem den Vergleich von Projekten über Länder und Währungen hinweg.
AI kann Auffälligkeiten erkennen, Verträge analysieren und auf entstehende Risiken hinweisen. Ihre Schlussfolgerungen müssen jedoch auf verlässliche Quellen zurückführbar bleiben. Zugriffsrechte, dokumentierte Annahmen, nachvollziehbare Änderungshistorien und menschliche Kontrolle sind dafür unverzichtbar.
Die Stärken verbinden
Nach mehr als 15 Jahren in der Immobilientechnologie bin ich zunehmend überzeugt: Der nächste Wettbewerbsvorteil entsteht dadurch, wie Informationen finanzielle Entscheidungen unterstützen.
Die USA bieten wertvolle Impulse bei wirtschaftlicher Zielorientierung, Experimentierfreude und konsequenter Umsetzung. Europa steuert Datenintegrität, Governance und finanzielle Disziplin bei. Das sind selbstverständlich Tendenzen: Auch amerikanische Institutionen haben anspruchsvolle Kontrollstandards, und viele europäische Unternehmen sind ausgesprochen innovationsfreudig.
Die Chance liegt in der Verbindung beider Ansätze: mit einem relevanten Problem beginnen, messbare Ergebnisse prüfen, verlässliche Daten schaffen und erfolgreiche Lösungen skalieren. Erfolgreich werden diejenigen sein, die verlässliche Informationen früher in bessere Entscheidungen übersetzen.
Über den Autor
John Beresford Jones ist Head of EMEA & USA bei PROBIS und auf digitales Finanzmanagement für Immobilien spezialisiert. Er studierte Immobilienwirtschaft an der University of Reading und arbeitet seit 2010 im Bereich Immobilientechnologie. Als Gastdozent an der University of Reading und der UConn School of Business behandelte er AI, digitale Transformation und den Einsatz neuer Technologien in der Immobilienwirtschaft.
