Neue Impulse für eine adäquate Quartiersentwicklung
4. IQ-Kongress am EBZ in Bochum diskutierte Wege zu resilienten, sozialen und klimagerechten Städten
Resonanz spiegelte Relevanz: Mehr als 350 Fachleute aus Politik, Kommunen, Wissenschaft und Immobilienwirtschaft – so viele wie nie – folgten am 5. Februar 2026 der Einladung des Deutschen Instituts für Urbane Transformation (DIUT) in Kooperation mit der EBZ Business School (FH) zum 4. Kongress für Innovative Quartiersentwicklung. Unter frischer Moderation von Miriam Lange (WDR) erlebten sie einen Tag voller Austausch und interdisziplinärer Anregung. Das Programm rezipierte ökologische, soziale, politische und ökonomische Anforderungen und drehte sich um das Kräftedreieck aus Immobilienwirtschaft, Kommunen und Wissenschaft als Treiber von Quartiersentwicklung im Rahmen urbaner Transformation.
Quartiersentwicklung neu denken: Herausforderungen und erweiterter Fokus
Ina Scharrenbach, NRW-Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung, erinnerte daran, dass es bei Quartiersentwicklung gegenwärtig nicht nur um Klimaschutz, um alten-, behinderten- und familiengerechtes Wohnen oder Mobilität gehen dürfe. Beachtung gelte z.B. auch dem Problem der Schrumpfung: Seit der Gebietsreform 1974 hätten viele Städte in NRW bis zu 40 % ihrer Bevölkerung verloren – ohne dass die Infrastrukturen kostensparend mitgeschrumpft seien. Auch Fragen der Kriminalitätsprävention seien zu diskutieren, da sich in der Bevölkerung ein Gefühl der Unsicherheit ausbreite, das ernst genommen werden müsse. Ihr Appell ins Plenum galt daher einem „Quartiersentwicklungskommando“, das zu bilden sei, um sich den großen Aufgaben zu stellen.
Soft Cities: Mensch und Alltag im Mittelpunkt
Eine erhellende Key Note gab Ola Gustafsson vom schwedischen Unternehmen Think Softer. Am Beispiel gewachsener Quartiere in Venedig und aus 70er-Jahre-Bauten umgestalteten in Malmö zeigte er, wie lebenswerte Orte neu geschaffen werden können, Orte, die zu Begegnung einladen und eine hohe Lebensqualität aufweisen. Er führte das Leitbild von Soft Cities vor Augen: Hier stehen nicht dichte Bebauung und Effizienz im Vordergrund, sondern soziale Beziehungen, eine vielfältige Nutzungsstruktur und eine hohe Aufenthaltsqualität.
Klimatische und soziale Resilienz als zentrale Aufgaben
Es gab insgesamt sechs Sessions. Ein zentraler Themenblock war die klimaresiliente Stadt, insbesondere durch blau-grüne Infrastrukturen, nachhaltige Freiraumgestaltung und praxisnahe Strategien zur Anpassung an Extremwetterereignisse. Ergänzt wurde dies durch Diskussionen zur sozialen Resilienz, mit Fokus auf Teilhabe, Engagement, Kultur und neue Formen des Miteinanders. Diskussionsstoff ergab sich dabei aus der Frage, welches Maß an blau-grünen Infrastrukturen mit Automobilität vereinbar sei.
Weitere Schwerpunkte lagen auf der Gestaltung von Zukunftsquartieren, innovativen Wohn- und Nachbarschaftsmodellen sowie der Zusammenarbeit zwischen öffentlichen und privaten Akteuren. Auch Zirkularität und Urban Mining spielten eine wichtige Rolle, mit Blick auf ressourcenschonendes Bauen, Materialkreisläufe und den Umgang mit dem Gebäudebestand. Wobei eine heftige Diskussion darüber entbrannte, ob sie auf dem Vorschriftsweg verbindlich gemacht werden sollten – und wer dann die Mehrkosten trage. Denn klar wurde auch, dass diese Mehrkosten den ohnehin auf Kante genähten Kostenrahmen sprengen würden.
Zukunftsquartiere, Zirkularität und neue Mobilität
Abgerundet wurde das Programm durch Beiträge zu nachhaltigen Mobilitätskonzepten, zur Neuverteilung und Nutzung des öffentlichen Raums sowie zu Resilienzstrategien für kritische Infrastrukturen, einschließlich Energieversorgung und digitaler Sicherheit. Internationale Perspektiven und übergeordnete Leitbilder einer „weichen“, menschenorientierten Stadtentwicklung gaben dem Kongress einen strategischen Rahmen.
Olympische Spiele und ihr Vermächtnis für Städte und Regionen
Den Abschluss bildete ein Vortrag von Klaus Grewe, Gesamtkoordinator für die Infrastrukturprojekte der Olympischen Spiele in London 2012. Anlässlich der geplanten Bewerbung der Rhein-Ruhr-Region um die Ausrichtung der Spiele 2026, 2040 oder 2044 stellte er die Frage, wie Sportgroßprojekte Städte in Bewegung bringen – und was bleibt. Ernüchternd war, dass – wie die Spiele der 2000er Jahre zeigten – doch eher wenig übriggeblieben ist. Denn am Ende würdige das IOC Nachhaltigkeitsansätze bei Bewerbungen eher selten.
Komplexität managen
Prof. Dr. Daniel Kaltofen, Rektor der EBZ Business School (FH), sagte zur Begrüßung: „Transformation heißt, Komplexität zu managen. Die Akteure müssen sich austauschen, vernetzen und auch schauen, wie es andere machen. Ich glaube, der 4. Fachkongress für innovative Quartiersentwicklung am EBZ ist hierfür der richtige Ort.“ Diese Wünsche erfüllte der Kongress zur Gänze. Arbeit gibt es genug – aber auch großartige nationale und internationale Ansätze, wie klimagerechte, sozial integrative und akzeptierte Quartiere geschaffen werden können. Der Vorstandsvorsitzende des EBZ Klaus Leuchtmann nahm den in den vergangenen Monaten heiß diskutierten Begriff des Stadtbilds auf: „Ein resilientes, inklusives, funktionales Stadtbild entsteht nicht zufällig. Es ist das Ergebnis von Kooperation, Mut zu Veränderungen und einer klaren Haltung dazu, wie wir leben wollen.“ Das EBZ wolle mit diesem Kongress einen Beitrag dazu leisten.
